Soziokultur verbindet

Seit Generationen am Rand der Gesellschaft

0

Vor zwei Jahren haben wir an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit mit 180 Studierenden eine Blockwoche zum Thema «Roma, Sinti, Jenische – Europa und die ‹Zigeuner›» organisiert. Soziale Arbeit steht für gesellschaftliche Kohäsion und die Teilhabe aller Mitglieder ein. Aber an diese Minderheiten in Europa denkt man weniger. Wir haben erfahren, wie allgemeine Ausschlussmechanismen bis heute wirken und wie subtil Exklusion wirkt. In den letzten sieben Jahren haben wir von der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit in Albanien 50 Coaches ausgebildet, die in allen Regionen Albaniens in Gruppenarbeit Jugendliche der Roma-Community in die Berufswelt begleiten. Das Thema beschäftigt uns!

Ab Dienstag, 16. Mai 2017, ist die  Wanderausstellung der Radgenossenschaft an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit zu Gast. Sie zeigt mit treffenden Bildern und Szenen das Leben der Jenischen und Sinti.

In einem Interview mit Willi Wottreng, Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse, habe ich über die aktuelle Situation der Jenischen und Sinti in der Schweiz gesprochen.

Willi Wottreng, was bedeutet endlich diese Anerkennung der Jenischen und Sinti als Minderheit in der Schweiz?
Dreissig Jahre hat es gedauert, bis der Bund die Jenischen und Sinti unter ihrem Namen anerkannt hat. Dass dies nun soweit ist, bedeutet in erster Linie Genugtuung. Man stelle sich das Gefühl vor: Bis 1970 und darüber hinaus verfolgt worden zu sein, und dann eine anerkannte nationale Minderheit zu sein – fast wie ein indigenes Volk in den USA. Darüber hinaus gibt es uns Jenischen und Sinti ein Argument mehr in die Hand, wenn es um Probleme wie die Schaffung von Stand- und Durchgangsplätzen geht oder um die Förderung ihrer Kultur. Wir sind eine nationale Minderheit – das macht stark und ein bisschen stolz.

Bezüglich der Standplätze ist in den letzten Jahren kaum etwas gegangen, was macht es so schwierig?
Bei den Stand- und Durchgangsplätzen ist nicht nur kaum etwas gegangen, viel schlechter: Ihre Anzahl hat sich vermindert. Seit 2010 sank die Zahl Durchgangsplätze von gesamthaft 43 auf 35, was für die Fahrenden mehr Stress bedeutet bei der Platzsuche. Warum das so ist? Es liegt nicht einfach an der dichten Besiedlung des Landes. In jedem Kanton sollten sich ein, zwei Wiesen oder eine stillgelegte Kiesgrube finden lassen, auf denen sich ein Platz einrichten liesse. Es ist der Widerstand vor allem in den Gemeinden. Der Bund und manche Kantone geben sich Mühe, einen Platz zu schaffen, und dann scheitert das bei den Gemeinden. Sogar, wenn Bauern Land zur Verfügung stellen wollen, stellen sich Gemeinden mit fadenscheinigen Argumenten dagegen. Auch wenn wir jemanden mit der Aussage beleidigen sollten: Es ist die Fremdenfeindlichkeit, die sich so schwer auflösen lässt. Unsere Ausstellung hilft vielleicht ein klein wenig, Vorurteile abzubauen.

Hat die Aufklärung über die «Kinder der Landstrasse» die Situation verbessert?
Die Aufklärung über das Geschehen rund um die «Kinder der Landstrasse» und über die Familienzerstörungen durch andere Behörden war enorm wichtig. Sie hat den Jenischen und Sinti Wohlwollen und Unterstützung bei aufgeklärten Behörden, sozialen Institutionen, in den Medien usw. gebracht. Das hat zuerst zu sogenannten Wiedergutmachungszahlungen und immerhin letztlich zur Anerkennung der Jenischen und Sinti geführt. Aber eben, das reicht im Moment nicht aus; die Jenischen und Sinti müssen ihre Kraft noch mehr zusammennehmen, müssen sich lauter und widerständiger zeigen – ohne ihre wirklichen Freundinnen und Freunde zu verärgern. Sie müssen leider vor allem selber schauen, wie sie in dieser insgesamt doch eher kalten Gesellschaft überleben können und ihre Zukunft gestalten wollen. Die Aktion «Kinder der Landstrasse» hat das Selbstbewusstsein und die Perspektive unseres Volkes beschädigt; daran arbeitet die Radgenossenschaft der Landstrasse: An der Identität und an der Perspektive.

Die Soziale Arbeit steht für die gesellschaftliche Teilhabe, genügt sie heute den Ansprüchen der Jenischen und Sinti?
Wir möchten niemanden beleidigen oder vor den Kopf stossen. Aber die Soziale Arbeit erreicht einzelne, aber kaum die Jenischen und Sinti in ihrer Gesamtheit. Wir haben das Gefühl, dass sogar viele der Menschen, die sich mit Jenischen und Sinti professionell beschäftigen – in der KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde), im Schulwesen, bei Kulturbehörden – weiterhin schlicht keine Ahnung von ihrem Leben und ihrer Kultur haben. Viele lassen sich von einem romantischen Bild von «Fahrenden» leiten, werfen Jenische, Sinti und Roma in einen Topf, und vor allem: Sie nehmen die Jenischen und Sinti nicht ernst, weil diese weniger Schulbildung – aber oft mehr Lebenserfahrung und Lebensklugheit haben. Viele Jenische und Sinti tragen allerdings zur mangelnden Kommunikation bei, indem sie die Sesshaften pauschal ablehnen. So bleiben die Gräben leider sehr tief.

Was müssten wir in der Schweiz verändern, um Jenische und Sinti besser einzubeziehen?
Es liegt in erster Linie an uns selber. Damit aber Nicht-Jenische und Nicht-Sinti ein Verständnis für unser Volk entwickeln können, wäre grundlegend, dass wir in den Schulbüchern dargestellt werden. Und dies korrekt – was unsere Beteiligung voraussetzt. Nicht nur als Fahrende und nicht als «Zigeunerinnen und Zigeuner». Jenische und Sinti – und Roma – sind Menschen wie du und ich und haben eine interessante, reiche Geschichte und Kultur.

Präsent sein, anerkannt werden, dazugehören. Man könnte meinen, so etwas sei in der Schweiz selbstverständlich. Dass Kommunikation nicht einfach ist, wenn seit Generationen die Gemeinschaft der Jenischen und Sinti am Rande leben, versteht sich eigentlich von selbst. Die Wanderausstellung der Radgenossenschaft ist ein Versuch, den Dialog zu üben. Wir möchten, dass unsere angehenden Studierenden der Sozialen Arbeit sich an diesem Dialog beteiligen und üben.

Willi WottrengWilli Wottreng
Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse, Buchautor und freier Publizist und Vorstandsmitglied der Gesellschaft Minderheiten Schweiz GMS


«Deine unbekannten Nachbarn. Das Volk der Jenischen und die Sinti»
Wanderausstellung der Radgenossenschaft an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Vom 16. Mai bis 23. Juni 2017

About Author

Bernard Wandeler

Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, im Institut für Soziokulturelle Entwicklung. Er doziert in den Bachelorstudiengängen zu den Themen der Gruppenarbeit, Entwicklungspolitik und diversen andern methodischen Themen. In der Forschung begleitet er faszinierende Projekte der Arbeitsintegration von Randgruppen in Albanien.

Leave A Reply