Soziokultur verbindet

Sozialgerechte Realität schaffen

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Die immer offener werdende Gesellschaft und die Angriffe auf sie verunsichern viele Menschen. Der Ruf nach einer starken Hand, nach Isolation und Nationalismus wird in Europa und der Schweiz lauter. Solidarität gilt höchstens noch innerhalb der eigenen Gruppe; gegen Andere kommt es immer deutlicher zu einer Abschottung. Populistische Strömungen gewinnen an Bedeutung.

Europa hat sich zu einer offenen Gesellschaft mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung mit den Prinzipien des Liberalismus, Egalitarismus und Individualismus entwickelt. Dieser fortwährende soziale Wandel verunsichert zunehmend alteingesessene wie neu eingewanderte Menschen und sie wünschen sich ihr «altes, vertrautes Leben» zurück. Dieser Wunsch ist oft verbunden mit einer rigiden Orientierung an vermeintlichen Traditionen einstiger Gemeinschaften, wo man sich angeblich noch halbwegs wohl fühlte. Diese Gefühlslage wird von reaktionären Populisten schamlos ausgenutzt, die unter dem Deckmantel patriotischer Bewegungen ihre Interessen an einer despotisch-autokratischen Grundordnung der sozialen Ungleichheit, des Kollektivismus (Betonung angeblicher Gruppenidentitäten) und des Fundamentalismus durchsetzen. Nutzniesser einer solchen Grundordnung sind die immer kleiner werdenden Eliten, die immer mächtiger werden und entsprechend immer weniger dazu tun müssen, ihren Status zu erhalten. Auf der Seite der Verlierer, deren Handlungschancen entsprechend immer kleiner werden, führt das zu Resignation. Die darauf folgende Aggression richtet sich dann oft nicht gegen die Eliten, sondern – im Verbund mit einem erneuerten Kollektivismus – gegen andere «Verlierer-Gruppen», z.B. «die Flüchtlinge», «die Moslems», «die Homosexuellen».

Vorläufig «murrt das Volk» in Europa noch (Pegida, Brexit, MEI), in anderen Regionen ist der offene Konflikt längst im Gange. Wenn aber Menschen wegen der sozialen Ungleichheit immer weniger eine Chance sehen, sich als Individuen zu entfalten, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Identität zunehmend über ihre jeweilige Gruppenzugehörigkeit definieren. Um diese letzte Möglichkeit zu schützen, verteidigen sie ihre Gruppe – nicht mehr ihre eigene Identität, indem sie sie gegenüber anderen abgrenzen. Die Gefahr von sozialen Konflikten zwischen diesen Gruppen steigt. Vor diesem Hintergrund ist die Politik in Europa mit ihren grossen weltanschaulichen Humanismen, allen voran «Freiheit», «Gleichheit», «Gerechtigkeit» und «Solidarität», stark gefordert.

Die Soziale Arbeit kann hier gute Dienste leisten, ist sie doch geprägt durch die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, der wechselseitigen Versicherung, einander die Menschenrechte zu garantieren und gegenseitig die Menschenwürde nicht zu verletzen. Auch die Anerkennung der Verschiedenheit um der Gleichheit Willen, welche die Interessen aller Individuen in gleichem Masse berücksichtigt, die Prinzipien des Individualismus und der Solidarität sowie des Rationalismus sind für sie zentral. Vor diesem Hintergrund sind unterschiedliche Normensysteme für unterschiedliche Gruppen nicht akzeptabel (Null-Toleranz). Geboten ist, ein und dasselbe ethische Prinzip (die Menschenwürde, die Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, die Gleichheit) auf sämtliche Individuen sämtlicher Gruppen anzuwenden. Jegliche Art von Diskriminierung (Rassismus, Sexismus, Nationalismus) darf nicht toleriert werden. Es ist die eine Ebene der einen Menschheit zu stärken, die vor der Herausforderung steht, menschen-, bedürfnis- und sozial-gerechte Verhältnisse zu schaffen, und es sind die vielen Ebenen jedes Individuums zu stärken, damit alle «ermächtigt» und «befreit» ihr eigenes Leben verwirklichen können. Von der Politik z.B. können wir unter anderem einfordern, sie solle aufzeigen, dass «Integrationspolitik» in erster Linie als «Emanzipationspolitik» verstanden und gestaltet werden muss. Wie das schon Jane Addams vorlebte: nicht «fremde Kulturen» sind zu integrieren, sondern jedem Individuum ist die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen!

Isolationismus, Kollektivismus und Protektionismus sind keine Lösung: wo Solidarität schwindet, schwinden auch die Chancen für Partizipation, Kohäsion und Integration.

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Beat Schmocker

Lernbegleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, Institut Sozialarbeit und Recht. Seine fachlichen Schwerpunkte liegen in den Gegenstandstheorien, der Geschichte und der Ethik der Sozialen Arbeit.

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