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Neues aus dem Innovations-Lab von PostFinance: Ein Blockchain-Vorhaben und der digitale Betreibungsprozess im Portrait

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von Prof. Dr. Andreas Dietrich

Innovationen frühzeitig zu erkennen und zu verfolgen, ist gerade in der heutigen Welt für Banken sehr relevant. Viele Institute tun sich damit aber noch immer schwer. Ein klares und strukturiertes Konzept, wie Innovationen erkannt und gefördert werden können, ist daher sicherlich sinnvoll. Im heutigen Blog zeige ich den Ansatz von PostFinance auf und stelle zwei interessante Projekte aus dem PostFinance-Innovations-Lab ausführlicher vor.

PostFinance war in den vergangenen Jahren sehr stark mit der Einführung eines neuen Kernbankensystems (geplant am Osterwochenende 2018) und der Harmonisierung des Zahlungsverkehrs auf den ISO-20022-Standard (per Ende 2017 vollzogen) absorbiert. Um zu verhindern, dass die Innovation aufgrund diesen beiden Grossprojekten nicht zu kurz kommt, hat man sich dazu entschieden, explizit ein Konzept anzustossen, welches sich dem Thema «Innovationen» annimmt und diese fördert. Über das Konzept, wie PostFinance Innovationen fördern möchte, habe ich schon einmal in einem Blog berichtet. Seither ist das im Dezember 2015 gegründete PostFinance Innovations-Lab neu dazugekommen und das Konzept hat sich weiterentwickelt (siehe «Innovations-Horizonte» im nächsten Abschnitt). Inzwischen arbeiten 8 Mitarbeitende im Innovationsteam (inkl. Lab). Auch dieser personelle Ausbau setzt ein klares Zeichen und soll dazu führen, dass die sogenannten Co-Stars besser unterstützt werden.
Generell unterteilt PostFinance ihre Innovationsvorhaben in drei Horizonte. In der ersten Kategorie geht es um Projekte, welche vor allem die inkrementelle Verbesserung und die Optimierung des Kerngeschäfts zum Ziel haben. Der Innovationsgrad ist somit naheliegend, im Kerngeschäft selber angesiedelt und ein Projekt kann in der Regel rasch und gewinnbringend umgesetzt werden. Dem zweiten Horizont werden Innovationsvorhaben bzw. Projekte zugeteilt, welche die Digitalisierungs-Transformation und vor allem neue Ideen im angrenzenden Kerngeschäft unterstützen. Der dritte Horizont beinhaltet Vorhaben, welche ausserhalb des Kerngeschäfts anzusiedeln sind und entsprechend das Potenzial haben, die Wertschöpfungskette zu erweitern, bestehende Produkte zu kannibalisieren oder komplett neue Geschäftsmodelle hervorzubringen. Die Zuteilung zu diesen drei Horizonten ist natürlich nicht immer ganz eindeutig. Jeder Horizont beinhaltet einen spezifischen, unterschiedlichen Prozess, da Vorhaben oder Projekte in den jeweiligen Horizonten auch unterschiedliche Anforderungen aufweisen. Gemäss Mathias Strazza, Innovationsmanager bei PostFinance, sind die meisten Projekte dem Horizont 1 (inkrementelle Verbesserungen/Optimierungen im Kerngeschäft) zuzuordnen, zwischenzeitlich mit fliessender Grenze zu Horizont 2 und den digitalen Themen, welche die Transformation von PostFinance zum digitalen Powerhouse fördern. Ein kleinerer Prozentsatz sind Innovationsvorhaben, welche in den Bereich der «Experimente» gehören (Horizont 3) und welche einerseits einen potenziell langfristigen Einfluss auf PostFinance ausüben und andererseits in der Regel ausserhalb des Kerngeschäfts anzusiedeln sind. Das Innovationsteam mit dem PostFinance Innovation Lab unterstützt alle drei Horizonte in gewissen Bereichen (bspw. in der Exploration mit der Suche neuer Signale…), fokussiert sich mit dem Innovationsprozess H3, jedoch insbesondere auf den dritten Horizont.
Nachfolgend möchte ich mich vor allem auf die Entwicklungen in diesem dritten Bereich fokussieren und aufzeigen, mit welcher Art von Vorhaben sich PostFinance hier derzeit auseinandersetzt. Schwergewichtig werde ich dabei die beiden Projekte «B4U» und «Tilbago» vorstellen. Auf andere Projektideen werde ich nur kurz eingehen.

B4U – Blockchain-Projekt von PostFinance

Ganz generell verfolgt (auch) PostFinance die Entwicklung der Blockchain-Technologie mit grossem Interesse. Sie überlegt sich einerseits, wie sie die Blockchain als Basis für neuartige Geschäftsmodelle rund um den Handel und die Aufbewahrung von Kryptowährungen nutzen kann. Andererseits eruiert sie auch, wie sie mithilfe dieser Technologie die Buchführung von Waren und Dienstleistungen im Handel gewinnbringend umsetzen kann. Das Vorhaben B4U setzt genau an diesem zweitgenannten Punkt an. Mit B4U soll eine intelligente Energieabrechnung über die Blockchain erfolgen. Hintergrund des Vorhabens sind Änderungen im Energiegesetz und Fortschritte im Bereich der Technologie. So sollen beispielsweise die heutigen mechanischen Stromzähler in den Haushalten mittelfristig durch intelligente Messgeräte (Smart Meter) ersetzt werden. Ebenso scheint klar, dass es eine Verlagerung von zentral organisierten Energieversorgern mit Grosskraftwerken hin zu dezentraler Produktion und lokalem Konsum geben wird. Vor allem für den aufstrebenden Markt der «Prosumers» (Stromkonsumenten, die einen Teil ihres Verbrauchs selber produzieren, andererseits aber auch Strom aus dem Netz konsumieren) bieten sich künftig vermutlich neue, interessante Marktmöglichkeiten. Gleichzeitig wird aufgrund der (auch administrativen) Komplexität von einer dezentralen Produktion, dem Eigenverbrauch und den dezentralen Speicherlösungen ein zunehmend höherer Informationsgrad verlangt. Mit der Entwicklung von Smart-Home-Technologien eröffnen sich für Energiedienstleister neue Geschäftsfelder, in denen sie bisher noch nicht aktiv waren. Entsprechend arbeitet ein interdisziplinäres Team mit Spezialisten von PostFinance und Energie Wasser Bern (ewb) an diesem Vorhaben mit. Eine Analyse aktueller Blockchain-Projekte in der Energiewirtschaft zeigt zwar, dass sich die Technologie derzeit noch in einer frühen Entwicklungsphase befindet. Der Ansatzpunkt, einfache Lösungen für die Prosumers herzustellen, welche eine Art Peer-to-Peer-Stromhandel aufbauen und den administrativen Aufwand reduzieren können, ist aber vielversprechend und interessant.
Worin liegt nun das Potenzial dieser Entwicklung für PostFinance? PostFinance ermöglicht sich durch dieses Projekt, an diesem neuen (und in Anbetracht der Bedeutung lukrativen) Markt zu partizipieren, indem sie ihren Endkunden (Gruppe der Prosumers) ein entsprechendes Tool zur Verfügung stellt, welches die einfache und automatisierte Verrechnung von elektrischer Energie über eine Blockchain zulässt und gleichzeitig mit Smart Contracts verknüpfte Zahlungen (vorzugsweise gleich über das Postkonto) von Stromrechnungen auslöst. Die Verknüpfung mit Smart Contracts reduziert zugleich auch das Debitorenrisiko. Gleichzeitig sollen Eigenverbrauchsgesellschaften und Endverbraucher dank B4U Transparenz von der Messung bis zur Verrechnung ihres Stromverbrauchs erhalten. Entsprechend würde PostFinance in diesem Projekt ihre Zahlungsdienstleistungen auf eine interessante Art und Weise mit dem Strommarkt kombinieren und das Angebot sowohl für KMU als auch für Privatpersonen zur Verfügung stellen. Die Programmierung der Smart Contracts wird auf Hyperledger vollzogen und durch 5 Mitarbeitende PostFinance-intern durchgeführt. Die Einführung der Pilot-Version («Silent Launch») ist auf Ende Jahr 2018 geplant. Die branchenübergreifende Zusammenarbeit, ist ein neues Element im Rahmen von Innovationsvorhaben, das PostFinance als erfolgsversprechend wertet und bewusst fördern will.

Tilbago – Digitalisierung des Inkasso-Prozesses

Ein zweites spannendes Vorhaben, welches durch den PostFinance-Innovationsprozess ging, ist Tilbago. Die Vision von Tilbago ist es, den rechtlichen Inkasso-Prozess durch digitale Ansätze und Methoden (Robotics, Intelligente Software) zu automatisieren. Unabhängig vom Fachwissen sollen Gläubiger und Gläubigervertreter Robo-Inkasso Betreibungen selbstständig und elektronisch abwickeln können. Der Gläubiger wird auf Basis vordefinierter Schritte durch den gesamten Inkasso-Prozess hindurchgeführt und über die einzelnen durchzuführenden Aktivitäten informiert. Auch die gesetzten Zahlungstermine und Fristen werden automatisch überwacht. Der Informationsfluss zwischen Gläubiger und den Betreibungsämtern erfolgt weitestgehend elektronisch (eSchKG).


Abbildung 1: Printscreen Webpage tilbago

Heute zählen mehrere bekannte Grossunternehmen wie Möbel Pfister, Amag oder Swiss genetics zu Tilbagos Kunden. Mit der Bank Linth nutzt auch eine Bank dieses Angebot. Tilbago ist eine klassische Software as a Service-Lösung für sämtliche Gläubiger, welche die Dienstleistung des elektronischen Betreibungsprozesses (eSchKG) nutzen, für welche sich aber eine eigenständige interne Lösung nicht rechnet. Bei PostFinance ist Tilbago im Angebot «SmartBusiness» integriert. Des Weiteren nutzt Tilbago die Cloud-Infrastruktur von PostFinance für all ihre Kunden.

Weitere Vorhaben

Neben diesen beiden ausführlicher beschriebenen Vorhaben, sind natürlich auch weitere im PostFinance Lab (weiter)entwickelt worden bzw. befinden sich noch in Entwicklung oder der Experimentierphase. So gilt beispielsweise das Produkt «Flightplan» als interne Erfolgsgeschichte, weil es von Informatik- und Mediamatik Lernenden entwickelt wurde und sich sowohl intern im Postkonzern, als auch extern offenbar einer hohen Nachfrage erfreut. Das Tool hilft, die verschiedenen Vorhaben und Projekte visuell attraktiv zu tracken. Das Vorhaben «Newston» hingegen klingt von der Idee her zwar vielversprechend (Newston ist ein Algorithmus, der mit personalisierten Neuigkeiten, basierend auf dem Aktienportfolio des Kleinanlegers, Push-Notifikationen schickt und den Kunden daher im Dickicht der vielen Informationen unterstützen könnte), ist aber gescheitert. Des Weiteren wurde auch die Idee der My Chain Crowdfunding-Plattform wieder gestoppt.

Fazit

Viele Banken leiden unter einzelnen grossen und ressourcenbelastenden Projekten (z.B. Einführung eines neuen Kernbankensystems, neues eBanking, etc.) und finden daher nur beschränkt Zeit, die oftmals immer gleichen Ressourcen auch für weitergehende, längerfristige Innovationsprojekte einzusetzen. Diese Haltung könnte durchaus gefährlich sein. Entsprechend finde ich den Ansatz von PostFinance, für den Bereich «Innovationen» bewusst ein Gefäss zu entwickeln, sehr positiv. Wie oben aufgezeigt, sind Vorhaben im PostFinance Innovations Lab unterschiedlicher Natur. Während einzelne Projekte (z.B. Flightplan) hauptsächlich bei PostFinance entwickelt werden, sind andere Projekte (z.B. Tilbago oder B4U) Beispiele dafür, wie ein solches Gefäss auch eine erfolgreiche und frühzeitige Kooperation mit Startups oder anderen Unternehmen ermöglichen kann. Wer sich mit solchen Innovationen beschäftigt, wird auch am einen oder anderen Ort scheitern. Das Experimentieren mit neuen Technologien hilft meines Erachtens aber jeder Bank in ihrer digitalen Transformation.

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