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Die UBS und Zürcher Kantonalbank setzen auf P2P-Payment-Industrielösung der SIX Group: Einige strategische Überlegungen dazu

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Von Prof. Dr. Andreas Dietrich

Heute haben die UBS und die Zürcher Kantonalbank bekannt gegeben, dass sie in Partnerschaft mit der SIX Group ein P2P-Payment, also ein direktes Bezahlsystem von Privatperson zu Privatperson über das Mobiltelefon, lancieren, das von allen Bankenkunden und von allen Banken nutzbar ist. Im nachfolgenden Artikel möchte ich einerseits diese Produkte und die darunterliegende offene Plattform vorstellen. Fast wichtiger erscheint mir aber die Betrachtung dieses Themas aus einer strategischen Optik.

In den letzten Jahren haben verschiedene Unternehmen Anstrengungen unternommen, die Bezahlmethode „Mobile Payment“ zu ermöglichen. Neben der reinen (bargeldlosen) Bezahlfunktion per Mobiltelefon erhält auch das Mobile Wallet Konzept Auftrieb. Mobile Wallets sollen das klassische Portemonnaie entschlacken, indem auch Karten von Treueprogrammen, wie zum Beispiel die Cumulus Karte der Migros, digitalisiert werden. Bis anhin hat sich Mobile Payment in der Schweiz (noch) nicht durchsetzen können. Mit der heute lancierten P2P-Payment-Initiative versuchen die SIX Group mit ihren Pilotkunden ZKB und UBS, sich diesem Thema in einem ersten Schritt zu nähern.

Von UBS und der Zürcher Kantonalbank gewählte P2P-Lösung

Alle Schweizer Bankkunden können per Ende Mai basierend auf der Lösung der SIX Group auf einfache Art und Weise P2P-Zahlungen machen. Das P2P-Payment ist dabei vor allem als ein Bargeld-Ersatz zu verstehen. Statt einem Kollegen das Mittagessen oder die reservierte Bowling-Bahn mühsam mit kleineren oder grösseren Noten zurückzuzahlen, kann man diese Schuld auf einfache Art und Weise mit dem Handy begleichen.

Die SIX Group stellt die Infrastruktur zur Verfügung. Als Kunde kann man wählen, ob man die Lösungen von UBS oder ZKB oder eine „Bank-neutrale“ App von SIX benutzen will. Als Bank kann man wählen, wie man diese Lösung seinen Kunden präsentieren möchte. Beispielsweise kann die Bank eine eigene P2P-App entwickeln, wie das die UBS gemacht hat (UBS Paymit). Des Weiteren kann das P2P-Zahlungssystem auch in die Mobile Banking App eingebaut werden. Für diesen Weg hat sich die Zürcher Kantonalbank entschieden. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass es die Banken damit bewenden lassen, dass ihre Kunden die neutrale Paymit-App der SIX Group runterladen und damit Überweisungen vornehmen können. Ebenso können Banken die neutrale App aber auch auf – je nach Bankfarbe – blau, grün, gelb, oder lila „umsprühen“ und darauf das eigene Logo platzieren.

In einem P2P-System setzt man sehr stark auf Netzwerk-Effekte. Je mehr Personen aus dem Netzwerk das System verwenden, desto grösser ist der Druck, auch „dabei“ zu sein. Oder mit einem anderen Beispiel argumentierend: WhatsApp ist nicht zuletzt daher so erfolgreich, weil (fast) alle dabei sind. Wenn nur 1 von 100 Freunden WhatsApp verwenden würde, wäre die Nutzung von WhatsApp weniger spannend.

Einige strategische Überlegungen zum Mobile Payment

Es geht für mich aber nicht nur um die (begrüssenswerte) Lösungen dieser beiden Banken bzw. der SIX Group. Es erscheint mir stattdessen noch fast relevanter, das Thema aus einer strategischen Perspektive etwas detaillierter zu beleuchten. Grundsätzlich geht es nämlich beim Thema Mobile Payment um die Fragestellung, wer den Kunden beim Bezahlen unterstützt – sei dies am Verkaufsort (z.B. an der Migros-Kasse), bei der Bezahlung von Rechnungen oder beim Online Einkauf (eCommerce). Aus meiner Sicht ist das Bezahlen ein zentrales und daher auch strategisch relevantes Geschäftsfeld von Retail Banken. Insofern war ich auch etwas erstaunt ob der Aussage von Urs Rohner, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse, am Finanz und Wirtschafts-Forum FinTech 2015 am 8. April. Gemäss seiner Einschätzung ist dem Bezahlen keine allzu grosse strategische Bedeutung zuzumessen. Ebenso erwähnte er, dass (sinngemäss) der Zahlungsverkehr grösstenteils bereits schon weg sei von den Banken. Ich bin noch immer der Meinung, dass das Thema eine strategische Relevanz hat und man mit allen Mitteln verhindern muss, dass (zu) viele Kundeninteraktionen verloren gehen. Schlussendlich geht es beim Thema des Bezahlens auch darum, seine Kunden (besser) zu kennen. Insofern würde ich dies gerade im Retail-Geschäft nach wie vor als ein Kerngeschäft für Banken betrachten.

Strategische Optionen für eine Bank

Derzeit hat eine „klassische“ Retail Bank aus meiner Sicht sechs strategische Optionen, wie man mit dem Thema Mobile Payment – und in einem ersten Schritt dem P2P-Payment – umgehen kann:

  1. Eigenentwicklung: Banken können selber ein Payment-System entwickeln. Dieses kann danach sowohl von den eigenen Kunden als (sinnvollerweise) auch von Kunden anderer Banken genutzt werden.
  2. Zusammenarbeit mit Startups: Eine zweite Möglichkeit besteht darin, eine Zusammenarbeit mit einem Startup zu verfolgen und beispielsweise White Labelling Lösungen von Mobino, Muume oder Klimpr einzukaufen.
  3. Kooperation mit TWINT: Eine dritte Möglichkeit besteht darin, seinen Kunden TWINT (eine 100%-Tochtergesellschaft von PostFinance) anzubieten und das Laden des Twint Wallets via Bankkonto zu ermöglichen oder TWINT in seine Banking Apps einzubauen.
  4. Kooperation mit Paymit (Lösung der SIX-Group): Eine vierte Möglichkeit besteht darin, die Zahlungslösung auf die bankneutrale Plattform der SIX Group aufzusetzen (in den vorne beschriebenen Varianten)
  5. Warten auf ausländische Partner: Apple Pay, Google Wallet, Samsung Pay oder auch andere ausländische Anbieter werden möglicherweise bald in Schweiz kommen. Als fünfte strategische Option kann man auf diese Lösungen warten und den Kunden den entsprechenden Zugang ermöglichen. Gleichzeitig gibt man dadurch natürlich teilweise (oder ganz) die eigentliche Kundenschnittstelle weg. In der Vergangenheit haben Banken die Kundenschnittstellen jedoch nur sehr selten weggegeben. Hauptprofiteure von Apple Pay werden vor allem die Kreditkartenanbieter sein.
  6. Man macht nichts.

Gleichzeitig laufen weitere Initiativen in der Schweiz wie beispielsweise die Swiss ALPS Initiative, welche vor allem von der Kartenindustrie getrieben wird. Der Vorteil einer Kreditkartenbasierten Lösung ist, dass das Ökosystem bereits existiert, viel Erfahrung und Knowhow vorhanden sind und es auch länderübergreifend funktioniert. Der Nachteil dieses vor allem Kreditkarten-basierten Systems ist, dass dies für den Handel eher teuer ist. Ebenso können die meisten Banken (Ausnahme: Grossbanken) diese Entwicklung nur bedingt mitgestalten und bezüglich den Erträgen nur wenig profitieren.

Zuerst Kunden oder zuerst Händler? Henne-Ei Problematik im Payment Markt

Weitere wichtige Fragen im ganzen Kontext sind auch: Soll man zuerst eine Kundenbasis aufbauen und danach die Händler gewinnen? Oder soll man als erstes die Händler begeistern und erst dann die Kunden motivieren, die entsprechenden Touchpoints zu benutzen?

Aus Sicht der UBS und ZKB liegt die Beantwortung dieser Frage klar in der ersten Lösung. Durch P2P verdienen Banken noch kein Geld – sie nutzen aber den Effekt, der bei P2P entsteht: Wenn Geld an Personen geschickt wird, welche noch nicht im Netzwerk sind, werden diese per SMS über das „reservierte“ Geld benachrichtigt. Diese haben dadurch einen Anreiz, sich auch zu registrieren wodurch der Netzwerk- resp. Schneeballeffekt zum Tragen kommt und die Kundenbasis für das neue Bezahlsystem erhöht wird. In einem zweiten Schritt ist das Ziel, die Tools mit C2B- resp. P2M- Lösungen (d.h. Kunden bezahlen in Geschäften) zu kommerzialisieren resp. rentabilisieren. TWINT verfolgt hier eine etwas andere Strategie und fokussiert schon zu Beginn sehr stark auf die Händler (attraktives Angebot für Händler). Gleichzeitig kombiniert TWINT dies mit einem ausgeklügelten Loyalty-Programm, welches die Kunden anlocken soll.

Perspektiven

Es ist derzeit noch schwer abzuschätzen, ob das P2P-System wirklich die Eintrittsschwelle ist für die nächste Stufe – das Bezahlen mit dem Handy beim Händler respektive am POS. Die Frage ist auch, ob der Netzwerkeffekt greifen wird oder ob das Ganze mit mehr Sand im Getriebe startet als sich dies die beiden Banken erhoffen. Generell gilt bei mobilen Zahlungslösungen, dass der Kunde eine Lösung nutzen möchte, die auch von möglichst vielen Personen in seinem Netzwerk genutzt wird. Vor diesem Hintergrund begrüsse ich den Entscheid der beiden bedeutenden Banken UBS und ZKB, dass sie kein Eigenprodukt herstellen, sondern eine Lösung anwenden, welche anderen Banken auch offensteht. Ebenso begrüsse ich es, dass diese beiden Banken hier den ersten Innovations-Schritt gehen. Die SIX Group als Partner scheint mir ziemlich gut geeignet, da sie eine gewisse Neutralität aufweist. Insbesondere besteht wohl nur eine geringe Gefahr, dass sie direkt mit den Kunden in Kontakt treten will/kann. Ebenso können durch diese Lösung möglicherweise die Aufbaukosten für die Infrastruktur auf mehrere Schultern verteilt werden. Gleichzeitig ist aber der Integrationsaufwand für die jeweiligen Banken nicht zu unterschätzen.

Welche Lösung sich schlussendlich auch immer durchsetzen wird – es ist für den Finanzplatz Schweiz zu hoffen, dass sich die Banken zusammenraufen und eine Lösung kreieren, welche allen Banken offensteht und von allen genutzt werden kann. Schafft man es nicht, eine solche einheitliche Lösung zu etablieren, ist die Gefahr gross, dass der Zahlungsverkehr an ausländische Anbieter wie Google oder Samsung abwandert.

PS: Sowohl die Lösung von TWINT als auch die Lösung der Six-Group werden an der Konferenz „Innovative Angebote im Retail Banking“ vorgestellt und intensiv diskutiert. Thierry Kneissler, CEO von TWINT und René Hägeli von der Zürcher Kantonalbank werden jeweils ihre Sichtweisen einbringen. Die Konferenz ist bald ausgebucht – es sind nur noch 8 Plätze frei. Eine baldige Anmeldung wird empfohlen. Mehr Informationen finden Sie hier.

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