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Zeitgemäss innovieren mit Open Innovation

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Von Sabrina Wyss, Christine Larbig und Pierre-Yves Kocher

Ideenwettbewerbe, Crowdsourcing, Kollaborationen mit externen Wissenspartnern, Spin Offs – das alles wird unter dem Begriff Open Innovation subsumiert. Eines scheint klar: Mit Open Innovation verlässt ein Unternehmen die traditionelle Denkweise von linearen Produkt- und Serviceentwicklungsprozessen. Das Neue ist aber noch schwer fassbar: Konkrete Handlungsmodelle für Open Innovation fehlen weitgehend. Umso schwieriger ist es für Unternehmen sich auf die neue Maxime aus der Innovationsforschung einzulassen. Im Kern geht es darum, dass Unternehmen der Notwendigkeit einer beschleunigten Entwicklungsgeschwindigkeit mit einer grösseren Flexibilität begegnen. Eine Innovationsorientierung, die das gesamte Geschäftsmodell eines Unternehmens verändern kann.

Charles Chesbrough hat 2003 mit Open Innovation ein neues, erfolgsversprechendes Konzept für innovative Unternehmen geprägt. Seither wurden unzählige Studien zum Thema verfasst. Immer wieder mit einem anderen Fokus, immer wieder mit dem Beweis, dass Open Innovation die Innovationsfähigkeit steigert. Es fällt jedoch auf, dass dabei sehr unklar bleibt was Open Innovation konkret ist. Was bedeutet es, den Innovationsprozess zu öffnen? Wie soll eine Organisation konkret vorgehen?

Open Innovation wurde als Gegenprogramm zu geschlossenen Innovationsprozessen entwickelt. Demnach sollen Unternehmen nicht mehr eigenbrötlerisch in ihren Forschungs- & Entwicklungsabteilungen tüfteln und erfinden, sondern ihre Innovationsprozesse für Einflüsse von aussen öffnen. Die Frage ist warum sollten Unternehmen das tun? Internes Innovieren hat auch Vorteile: Man kann Innovationen gezielt steuern und verschafft sich Vorsprünge gegenüber den Konkurrenten. Aber es besteht hierbei eben auch die Gefahr, Chancen zu übersehen:

1. Ein Unternehmen kann niemals über alles Wissens verfügen, das einer Innovation nützlich sein könnte. Es gibt Personen ausserhalb eines Unternehmens, die durch ihr spezifisches Wissen neue Impulse für Innovationen geben können oder grundsätzlich wichtig sind, damit der gewünschten Fortschritt erzielt werden kann. Gerade disruptive Innovationen zeichnen sich dadurch aus, dass auch organisationsfremde Ansätze zumindest bedacht werden.
2. Die Lenkung der internen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten lehnt sich meist eng an vorgegebenen Interessen des Unternehmens an. Dabei orientiert man sich stark an den aktuellen Problemlösungsstrategien. Die Innovationsfähigkeit wird durch diese routinisierten Vorgehensweisen eingeschränkt. Ideen oder Produkte, die „beiläufig“ im Rahmen eines Innovationsprojektes entstehen, jedoch nicht strategiekonform sind, werden nicht weiterverfolgt. Vielversprechende Wachstumsmöglichkeiten bleiben so zu häufig ungenutzt.

Hinter dem Konzept von Open Innovation steht die Idee, dass Fortschritt gesamtgesellschaftlich ist. Einzelne Unternehmen tragen durch ihre Forschung & Entwicklungsabteilung ebenso dazu bei wie Universitäten oder andere Forschungseinrichtungen. Was Open Innovation für Unternehmen interessant macht, ist dass die geschlossenen Innovationsprozesse teurere und aufwändiger geworden weil sich die Erneuerungszyklen in den letzten Jahrzehnten verkürzt haben. So gesehen ist die neue Offenheit eine adäquate Antwort auf aktuelle Herausforderungen: Denn Innovationen müssen nicht zwingenderweise dort stattfinden, wo sie genutzt oder in Produkte umgesetzt werden können.

Kurz gefasst, bedeutet Open Innovation
1. Die Integration von Wissen durch die Nutzung verschiedener externer Quellen und die gegenseitige Unterstützung in Netzwerken, um Innovationen auf den Weg zu bringen. Das Spektrum reicht dabei von Kollaborationen mit anderen Unternehmen und Hochschulen, welche über nützliche Expertisen verfügen, über die Einbindung von Leitkunden oder Lieferanten bis hin zu Open Sourcing und Ideenwettbewerben.

2. Die Anwendung unterschiedlicher Kommerzialisierungsformen. Gute Ideen und deren Potenzial sollen erkannt und nicht aufgrund zu starrer Innovationsziele aufgegeben werden müssen. Es gibt zahlreiche alternative Vermarktungsformen, die ein Unternehmen für sich nutzen kann: Beispielsweise Lizenzierungen, Spinn-Offs oder gemeinsame Kommerzialisierungen. Beispielsweise kooperiert Ascom mit Mammut bei der Entwicklung und Vermarktung von Lawinensuchgeräten. Da sie selbst Anbieter von Telekommunikationssystemen sind und weder über die Verkaufskanäle noch über einen Brand Name in dem Markt verfügen, erlaubt die Kooperation dem Unternehmen, die eigenen Ertragsquellen ohne entsprechendes Risiko zu erweitern. Durch alternative Vermarktungsstrategien wird der Innovationsprozess so eher zu einer vielseitig nutzbaren Innovationsplattform.

Für die Umsetzung dieser Prinzipien reicht es jedoch nicht, Kooperationen einzugehen oder Kunden mitgestalten zu lassen – die Strukturen und organisationalen Rahmenbedingungen müssen den neu geöffneten Innovationsdynamiken angepasst werden. Das ist streng genommen auch Chesbroughs ursprüngliche Kernbotschaft.

Open Innovation bedeutet somit die aktive strategische Nutzung der „Aussenwelt“. Ohne eine aktive Gestaltung funktioniert Open Innovation nicht oder kann sogar zum Risiko für ein Unternehmen werden. Vielmehr sind Kooperationspartner sorgfältig auszuwählen, die rechtlichen Rahmenbedingungen klar festzulegen und die Intensität der Zusammenarbeit im Voraus zu vereinbaren. Gegen innen bedeutet es aber auch, eine Kultur zu schaffen die der Kooperationen förderlich ist. Open Innovation gelingt nur dann, wenn ein Grundvertrauen und eine adäquate Offenheit in der Kommunikation zwischen den Innovationsbeteiligten gelebt werden. Nicht zuletzt ist es die Aufgabe der Führung, die Innovationsprozesse kontinuierlich zu hinterfragen und anzupassen, die nötige Unternehmenskultur zu prägen und zukunftsfähige Strukturen zu ermöglichen.

Quellen:
Chesbrough, Henry: Open Innovation: The New Imperative for Creating and Profiting from Technology. Boston, Harvard Business Review Press, 2003.
Gassmann, Oliver, Enkel, Ellen: Open Innovation – Die Öffnung des Innovationsprozesses erhöht das Innovationspotenzial, zfo, 2006, 3, 132-138.

Kontakt:
Prof. Pierre-Yves Kocher
Dozent und Projektleiter
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