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Innovation braucht Widerstand

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Erik Nagel
Vorwärts streben, weiterdenken, neugierig sein, sich nicht so leicht zufrieden geben. Das sind Haltungen die Innovationen befördern. Dabei ist nicht nur an völlig bahnbrechenden Neuerungen zu denken. Jedes Unternehmen muss seine Produkte und Dienstleistungen anpassen, erneuern, ergänzen oder austauschen, neue Vertriebskanäle und Kooperationen suchen und aufbauen oder gar andere Unternehmen integrieren. Das klingt alles sehr zukunftsgerichtet und auch positiv und der Begriff Innovation vermittelt von aussen betrachtet auch erst einmal ein „gutes Gefühl“.

Im Innenleben von Innovationsprozessen sieht es aber dann doch ein wenig anders aus. Das Neue muss sich abheben vom Bestehenden, muss als „besser“, „erfolgversprechender“ dargestellt werden und – ob man will oder nicht – kann als unausgesprochene Abwertung des Bestehenden daherkommen. Die neue Idee ist „real“, kann aber den Beweis für einen Erfolg noch gar nicht antreten, da sie noch nicht „realisiert“ wurde. Rasch sind Gegenpositionen formuliert. Der französische Schriftsteller Balzac formulierte einst: „Wenn man die Entwicklungsgeschichte neuer Ideen verfolgt, so fehlt die Periode der Verhöhnung niemals.“ Rasch mag es heissen „Luftschlösser sind das“ oder „eine windige Idee von einem Phantasten“. Aber die Innovatoren selber mischen ebenso kräftig mit. Auch sie verhöhnen: Die anderen sind doch nur „ewige Nörgler“, von denen auch „nichts anderes zu erwarten ist“. Beide Seiten leisten Widerstand, lehnen sich gegeneinander auf und neutralisieren sich gegenseitig. Auf der Strecke bleibt die Innovation.

Innovation braucht keine Verhöhnung – sie benötigt gegenseitige Anerkennung und Wertschätzung. Die einen bringen neue Ideen, tüfteln vielleicht auch ein bisschen selbstvergessen. Die anderen denken mehr über die Bedürfnisse des Kunden nach, stellen einfache, aber kritische Fragen, die noch nicht beantwortet werden können, und denken an Schwierigkeiten bei der Verknüpfung mit erfolgskritischen Supportprozessen. Hier werden nicht die Gegnerschaft und die jeweilige Profilierung auf Kosten der anderen kultiviert. Vielmehr wächst die Unternehmung in Innovationsprozessen zusammen, indem eine produktive Auseinandersetzung stattfindet, in der der Wert der unterschiedlichen Sichtweisen per se anerkannt wird. Der Widerstand trägt fruchtbare Züge. Es wird nicht ein Standpunkt eingenommen, um dem oder den Anderen zu schaden, sie auszuhebeln oder zu beweisen, dass es „eh nicht geht“. Vielmehr findet eine ernstgemeinte, aktive Auseinandersetzung mit neuen Impulsen, Ideen oder Anregungen statt. Nicht, um diese zu verhindern, sondern um sie gewissenhaft zu prüfen und weiterzuentwickeln. So verstanden ist produktiver Widerstand eine zwingende Voraussetzung für innovationsorientierte und erfolgreiche Unternehmen.


Kontakt:
Prof. Dr. Erik Nagel
Institutsleiter, Institut für Betriebs- und Regionalökonomie IBR
Vize-Direktor, Departement Wirtschaft der Hochschule Luzern
Studienleiter Executive MBA Luzern
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