«Frauen, kommt Informatik studieren!»

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Wenn Absolventinnen der Hochschule Luzern – Informatik zusammenkommen, drehen sich die Gespräche ums Programmieren und um Zukunftspläne. Aber auch Themen wie der Frauenbonus und Stigmatisierung sind keine Tabus.

Olivia Wassmer, Tanja Neuenschwander und Tamara Toma: Sie zählen zu den wenigen Absolventinnen der Hochschule Luzern – Informatik. Wie fühlt Frau sich unter so vielen Männern?

Olivia Wassmer: Sehr gut. In meiner Wirtschaftsinformatik-Klasse waren wir zuletzt vier Frauen. Alle waren sehr fleissig, ehrgeizig und haben sich wohlgefühlt in der Klasse. Mir ist aufgefallen, dass uns, wenn wir ein Problem hatten, meist zuerst geholfen wurde. Habt ihr auch mehr Aufmerksamkeit erhalten?

Tamara Toma: Ja, das stimmt. Im Studiengang Informatik sind wir drei Absolventinnen. Bei Fragen wurden wir oft bevorzugt und auch bei den Bewerbungen kam sofort eine Antwort. Viele Unternehmen sind auf der Suche nach Frauen in diesem Bereich.

Sie hatten also einen Frauenbonus?

Tanja Neuenschwander: Ja, das ist aber nicht immer cool. Ich möchte gleichbehandelt werden und keinen Job wegen der Quote bekommen, sondern weil ich gut bin.

Kaufmännische Lehre oder IT? Vor dieser Wahl stand Tanja Neuenschwander damals. Weil ihr das KV zu langweilig war, entschied sie sich für die Lehre als Informatikerin Fachrichtung Applikationsentwicklung. Sie hatte keine Ahnung, was auf sie zukommt und hörte auf ihr Bauchgefühl. Nach einem Jahr Vollzeit arbeiten, hat die Zürcherin das berufsbegleitende Informatik-Studium an der Hochschule Luzern aufgenommen. Heute ist sie glücklich, dass schlussendlich alles so gut funktioniert hat.

Was fasziniert Sie an der Informatik?

Neuenschwander: Die Informatik ist schnelllebig und man ist gezwungen, ständig Neues zu lernen. Da ich schon immer gerne und leicht gelernt habe, war das Studium perfekt für mich.

Toma: Bei mir ist es etwas anders: Die Technik hat mich schon immer fasziniert. Wenn ich ein Mainboard sehe, möchte ich wissen, wie es aufgebaut ist und welche Mathematik und Programmierung dahintersteckt. Ich schreibe sehr gerne Software. Ist das bei dir auch so, Tanja?

Neuenschwander: Nein, ich habe Informatik studiert, um eine breite technische Basis zu erlangen. Es gibt viele spannende Berufe in der IT, die nichts mit programmieren zu tun haben. Ich habe zwar den IT-Fokus, mein Interesse liegt jedoch in der Wirtschaft.

Sie haben nun Ihre Bachelor-Diplome in der Tasche. Was kommt als nächstes?

Neuenschwander: Meine Stärken liegen eher in der Kommunikation, als im tiefen technischen Wissen, deshalb gehe ich ins Consulting. Ich werde bei einer Software Engineering Firma im Bereich IT-Beratung, Business Analyse und Projektleitung arbeiten.

Wassmer: Ich suche auch etwas im Bereich Consulting voraussichtlich in der Business Analyse. Zuerst geniesse ich jedoch die letzten langen Ferien und reise noch etwas in Europa herum.

Toma: Ich starte als Software Ingenieurin und bin dann vielleicht in zwei Jahren Software Architektin. Ich werde es geniessen, Entwicklerin zu sein, denn ich weiss, dass ich das nicht für immer tun kann – Entwickeln in der Schweiz ist teuer.

Was war das Beste an Ihrem Studium?

Wassmer: Das Beste am Wirtschaftsinformatik-Studium war der Aufenthalt im Silicon Valley. Meine Gruppe hat dort ein Projekt für Twitter realisiert. Aber auch viele andere Projektarbeiten waren recht praxisorientiert und halfen mir persönlich sehr viel weiter.

 

«Das Beste am Wirtschaftsinformatik-Studium war der Aufenthalt im Silicon Valley»
Olivia Wassmer

Toma: Mein Highlight war die Bachelorarbeit – Eine Forschungsarbeit in Mathematik und Entwicklung. Das beste Modul war das Produktentwicklung – PREN. Dort haben wir mit Studierenden des Departements Technik & Architektur ein autonomes Gerät entwickelt.

Neuenschwander: Ich habe das breite Modulangebot geschätzt: Von Systemtechnik bis Softwareengineering konnte ich alles relativ frei zusammenstellen. Mein Highlight war dann aber auch die Bachelorarbeit, weil ich dort einen Nutzen für die Wirtschaft stiften konnte. Wir haben einen Weinführer entwickelt, der den passenden Wein zum Essen empfiehlt.

Nach der KV-Lehre in der Hotellerie und zwei Jahren an der Rezeption hat Olivia Wassmer die höhere Fachschule für Tourismus besucht. So konnte sie das Studium an der Hochschule Luzern – Wirtschaft anfangen. Motiviert durch die Informatiker in ihrem Umfeld und die fortschreitende Digitalisierung wagte sie den Neustart. Statt wie die meisten anderen die Studienrichtung Kommunikation zu wählen, entschied sie sich für Wirtschaftsinformatik. Den Wechsel in die IT hat sie noch nie bereut.

Was hätte während des Studiums besser sein können?

Wassmer: Der Wechsel nach Rotkreuz im ersten Jahr war eine Umstellung und der Start am neuen Standort hatte anfangs seine Tücken. Eigene Schwerpunkte setzen konnten wir noch nicht, das hätte ich geschätzt.

Toma: Das Studium war mir persönlich zu wenig technisch.

Neuenschwander: Ich weiss was du meinst. Das breite Modul-Angebot ist toll, es fehlte jedoch manchmal an Tiefe. Ich hätte mir etwas mehr Praxisbezug gewünscht.

Wassmer: Über zu wenig Praxis kann ich mich nicht beklagen. In der Wirtschaftsinformatik haben wir oft Projekte für echte Firmen realisiert.

Was sind Ihre Tipps um glücklich und erfolgreich zu studieren?

Toma: Es gibt zwei Typen von Informatik-Studierenden: Die einen sind von Natur aus sehr intelligent und können alles schon. Die anderen müssen viel Zeit investieren. Die zweite Sorte gerät im Studium oft unter Druck, für sie ist ein Ausgleich besonders wichtig. Ich habe den Ausgleich im Sport gefunden. Auch Freunde, die nichts mit Informatik zu tun haben, sind wichtig.

Neuenschwander: Mein Ausgleich war das Arbeiten. Wichtig sind auch Pausen von der Informatik und das Gespräch mit Leuten ohne Technikhintergrund.

Wassmer: Ein gutes Umfeld ist wichtig. Ich wohne in einer Sechser-WG, wo wir alle etwas anderes studieren und oft zusammen etwas unternehmen.

Zurück zum Thema Frauen in der IT: Warum gibt es wohl so wenig Studentinnen im Bereich Informatik? 

Wassmer: Der Beruf hat in der Schweiz leider immer noch ein Image-Problem und wird stigmatisiert.

Neuenschwander: Das stimmt. Das Bild des hässlichen, alten Informatikers, der alleine im Keller vor dem Computer sitzt, ist noch immer verbreitet. Dabei entsprachen unsere Mitstudenten diesem Klischee überhaupt nicht!

 

«Bei einem Vorstellungsgespräch hat mich der Interviewer gefragt, ob ich zu dieser Ausbildung gezwungen werde.»
Tamara Toma

Toma: Schon bei der Lehrstellensuche habe ich gemerkt, dass es ungewöhnlich ist, als Frau in die Informatik zu gehen. Bei einem Vorstellungsgespräch hat mich der Interviewer gefragt, ob ich zu dieser Ausbildung gezwungen werde.

Ernsthaft?

Ja. Ich musste ihm dann ein paar grundlegende Fragen beantworten, bis er mir glaubte, dass ich in die Informatik will, weil es mich wirklich interessiert.

Wassmer: Vielleicht ist es für manche Frauen abschreckend, in einer Männerdomäne zu arbeiten?

Neuenschwander: Das ist möglich. Dabei ist es als Frau in der Informatik doch super: Männer unterstützen dich, Arbeitgeber lieben dich – Frauen, kommt Informatik studieren!

Wie reagieren neue Leute, wenn Sie sagen, dass sie Informatik oder Wirtschaftsinformatik studiert haben?

Neuenschwander: Dann heisst es meistens: Du siehst ja gar nicht aus wie eine Informatikerin.

Toma: Ich habe auch schon gehört, ich sehe eher aus wie eine Verkäuferin. Ja wie sieht denn eine Verkäuferin aus?

 

«Du siehst ja gar nicht aus wie eine Informatikerin»
Tanja Neuenschwander

Wassmer: In der Wirtschaftsinformatik ist es etwas weniger schlimm, da kein so klares Klischee wie für Informatiker besteht. Trotzdem muss auch ich mich erklären.

Neuenschwander: Das nervt. Ich weiss, wie es als Frau in der Informatik ist – es ist toll! Viele Frauen könnten profitieren. Stattdessen müssen wir uns rechtfertigen, warum wir uns in die totale Männer-Domäne begeben.

Toma: Und dabei wurden die ersten Computer nur von Frauen programmiert.

Das Flair für Technik liegt bei Tamara Toma in der Familie, ihr Onkel beispielsweise ist Computer-Ingenieur. Für Mathematik und Computer hat sie sich schon früh interessiert und so war die Lehre als Informatikerin Fachrichtung Applikationsentwicklung (eigentlich hätte sie lieber Systemtechnik gemacht) ein logischer Schritt für die Obwaldnerin mit den aramäischen Wurzeln. Nach einem Jahr Berufsmatura startete sie mit dem Informatik-Studium an der Hochschule Luzern.

Wie könnte man mehr Frauen für die Informatik begeistern?

Wassmer: Dadurch, dass früher sensibilisiert wird, was Informatik eigentlich ist. Ich wusste beispielsweise lange nicht, worum es beim Programmieren eigentlich geht. Sind die Hemmungen erst weg, können negative Vorurteile vielleicht überwunden werden.

Neuenschwander: Die Breite der Informatik müsste früher vermittelt werden. Anspruchsvolle Excel-Formeln, eine Website programmieren oder einen Computer zusammenbauen – Das ist nicht alles, was die Informatik zu bieten hat. Viele Tätigkeiten in der IT wären prädestiniert für Frauen, da es oft Schnittstellen-Funktionen sind.

Toma: Vielleicht könnte man den Mädchen zeigen, dass es nicht nur um das trockene Programmieren geht. Man kann beispielsweise auch Spiele entwickeln, das hat viel mit Design und Kunst zu tun. Oder einen Roboter bauen – das fänden Mädchen sicherlich auch cool.

Vernetzen Sie sich eigentlich mit anderen Frauen in der IT?

Toma: Nein. Ich bin es mir seit der Lehre gewohnt, zu den wenigen Frauen zu gehören und ich mache schon lange keinen Unterschied mehr zwischen Frauen und Männern.

Wassmer: Bei uns in der Wirtschaftsinformatik gab es zwar ein Frauengrüppchen, jedoch waren wir genauso gerne mit den Männern unterwegs. Männer sind einfach meist lockerer drauf, da kann von mir aus ein Frauenthema auch mal warten.

Neuenschwander: Das stimmt. Diese lockere Art habe ich über die Zeit auch übernommen. Früher machte ich mir oft Sorgen, ob ich etwas schaffe. Heute bin ich viel selbstbewusster und unbeschwerter.

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