News aus dem Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Exzellentes Working Capital Management lohnt sich auch in Zeiten tiefer Zinsen – wie das Beispiel Emmi zeigt

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von Prof. Markus Rupp, Dozent und Projektleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Kapital kostet Geld, weshalb Unternehmungen grundsätzlich mit diesem Produktionsfaktor sparsam umgehen sollten. Ein gutes Working Capital Management hilft operationelles Kapital freizusetzen, welches unter anderem für Unternehmensakquisitionen oder Kapitalrückzahlungen verwendet werden kann. Unternehmungen können dadurch ihre Kapitalkosten reduzieren und somit ihren Unternehmenswert steigern. Durch die momentan tiefen Verzinsungen des Kapitals kann das Working Capital Management allerdings in Vergessenheit geraten, da sich Bemühungen in diesem Bereich nicht direkt in der Erfolgsrechnung niederschlagen – zukünftiges Chancenpotenzial geht jedoch möglicherweise verloren!

In diesem Beitrag zeigen wir Ihnen auf, weshalb Unternehmungen trotz des Tiefzinsumfeldes ein optimales Working Capital Management haben sollten. Der Milchverarbeiter Emmi ist diesbezüglich ein Vorzeigeunternehmen, welches sich seit 2009 ein exzellentes Working Capital Management in die Unternehmensstrategie geschrieben hat und momentan im Sinne der Weiterentwicklung das Working Capital Management laufend optimiert. Emmi konnte dadurch in den letzten Jahren Kapital für Akquisitionen freisetzen und entsprechend den Unternehmenswert durch eine verbesserte Cash-Flow Planung steigern.

Eine Unternehmung kann das Working Capital Management von drei verschiedenen Gesichtspunkten angehen. Zum einen kann sie mittels einem verbesserten Forderungsmanagement die Bilanzposition «Forderung aus Lieferung und Leistung» reduzieren, indem versucht wird, Zahlungsfristen von Kunden zu verkürzen. Auf der Seite der Verbindlichkeiten sollte eine Unternehmung hingegen versuchen, die Zahlungsfristen gegenüber den Lieferanten zu erstrecken. Somit kann «kostenlos» Kapital beschafft werden. Als dritte Massnahme gilt, die Lagerbestände auf ein Minimum zu reduzieren, damit dieses Kapital eine Unternehmung für anderweitige Projekte verwenden kann. Mit anderen Worten schaut eine Unternehmung mit einem ausgeprägten Working Capital Management darauf, dass die Lagerdauer der Rohstoffe aber auch der Halb- und Fertigfabrikate möglichst reduziert wird. Wie gut eine Unternehmung im Working Capital Management ist, wird häufig mit dem Cash-Conversion-Cycle analysiert, welcher den Druchlaufprozess vom Materialeinkauf bis zur Kundenzahlung misst (vgl. folgende Abbildung). Im Vergleich zwischen mehreren Unternehmungen ist allerding Vorsicht geboten, denn der Milchverarbeiter Emmi hat durch sein grosses Käselager ein Cash-Conversion-Cycle von 68.8 Tagen, wohingegen ein Reisebüro ohne Lagerbestände sowie möglichen Vorauszahlungen von Kunden sogar einen negativen Cash-Conversion-Cycle ausweisen kann.

Abbildung: Cash-Conversion-Cycle
Quelle: Rupp & Egger in Birrer, Rupp & Spillmann, 2018, S. 58

Der Cash-Conversion-Cycle von 68.8 Tagen bei Emmi bedeutet, dass 68.8 Tage zwischen der Begleichung der Rohstoffe zum Beispiel Milch und dem Zahlungseingang der Kunden zum Beispiel von Coop vergehen. Hierbei ist allerdings anzumerken, dass alleine die durchschnittliche Lagerdauer 67.6 Tage in Anspruch nimmt, was vorwiegend auf die Reifezeit von Käse zurückzuführen ist. In diesem Sinne ist dieser Durchlaufprozess mit 68.8 Tagen als positiv zu werten. Es stellt sich dabei die Frage, welche Massnahmen Emmi anwendet(e), um diese Kennzahl zu optimieren. Im Jahr 2009 führte Emmi das erste Mal eine Potenzialanalyse durch, in welcher wichtige Kennzahlen analysiert und mit einem Benchmarking innerhalb und ausserhalb der Branche verglichen wurden. Zudem gibt es seit 2009 bei Emmi Zielvorgaben im Bereich Working Capital, welche seit 2014 auch zur Beurteilung der Kapitaleffizienz verwendet wurden. Auch seit 2014 wird das Working Capital Management bei Emmi weltweit budgetiert und fliesst somit in die Zielsetzung ein. Bis heute sind jedoch diese Zielsetzungen kein relevanter Lohn- bzw. Bonusbestandteil. Auf Basis der Potenzialanalyse und der Zielsetzungen hat Emmi diverse Handlungsmassnahmen in den Bereichen Debitoren-, Kreditoren- und Lagermanagement zur Optimierung des Working Capital Management vorgenommen.

Working Capital Management in der Theorie, sowie Massnahmen für Working Capital zu definieren, ist einfach. Dies jedoch in der Praxis umzusetzen, gestaltet sich oftmals als sehr anspruchsvoll. Emmi war und ist deshalb bestrebt, die Mitarbeitenden möglichst viel und oft auf das Working Capital Management zu sensibilisieren. Dies wurde mit verschiedenen Workshops sowie Roadshows gemacht oder mit ganz einfachen Mitteln, wie Beiträge in der Mitarbeiterzeitung. Mittels dieser Art und Weise war sogar bei nicht Finanzleuten ein «Aha Effekt» spürbar!

«Lohnt sich Working Capital Management im heutigen Tiefzinsumfeld?»

In Zeiten tiefer Zinsen können Unternehmen mit einer variablen verzinslichen Finanzierung praktisch kostenlos Kapital beschaffen. Deshalb stellt sich die Frage, lohnen sich die Anstrengungen für das Working Capital Management heutzutage noch? Emmi hat Mitte 2016 am Fremdkapitalmarkt eine Anleihe mit einer Laufzeit von zwei Jahren im Betrag von 100 Mio. Franken aufgenommen. Die Verzinsung basiert auf dem 3-Monats CHF Libor plus 0.50% mit einem Floor bei 0.00% und einem Cap bei 0.05%. Durch die Emission mit einem Agio zahlt der Investor bei der Lancierung einen Negativzins von -0.40%. Zudem ist der Konzern generell mit tiefen Zinsen fremdfinanziert. Als intuitive Antwort müsste man somit obenstehende Frage mit einem klaren „Nein“ beantworten. Es gibt jedoch viele gute Gründe, warum Working Capital Management eine permanente Aufgabe jedes Unternehmens sein muss und es auch bei Emmi ist.

Es gibt aktuell keinen besseren Zeitpunkt für Working Capital Management – insbesondere im Bereich Debitoren und Kreditoren. Die Marktteilnehmer verfallen oft dem Irrglauben, dass im aktuellen Zinsumfeld Kapital kostenlos zur Verfügung gestellt werden kann. Mittel- bis langfristig dürfte sich das Zinsumfeld jedoch wieder ändern. In diesem Zusammenhang wird der gewichtete Kapitalkosten-Satz (WACC) häufig ausser Acht gelassen. Neuverhandlungen von Verträgen bezüglich besseren Zahlungskonditionen, welche den Cash-Conversion-Cycle optimieren, sind aktuell wahrscheinlich einfacher als in Zeiten von höheren Zinssätzen. Diejenigen Unternehmen, welche sich jetzt in eine gute Position bringen, werden in einem späteren Zeitpunkt für ihre Anstrengungen belohnt. Working Capital Management ist entsprechend eine Daueraufgabe und kann deshalb nicht als Projekt wahrgenommen werden. Emmi packt deshalb die Herausforderung des Working Capital Management auch in Zukunft an. Einerseits im Sinne einer permanenten Weiterentwicklung und anderseits für die Steigerung des Unternehmenswertes.

Mehr zum Thema Working Capital Management und Working Capital Management bei Emmi erfahren Sie aus dem Buchbeitrag von Fabian Egger (Leiter Finanzen der Emmi Division Schweiz) und Markus Rupp (Hochschule Luzern IFZ) im Sammelband «Praxis des Corporate Treasury Management». Der Sammelband kann unter diesem Link als Hardcopy oder als e-Book erworben werden.

Weitere Informationen und Insights zu einem effizienten Working Capital Management können Sie zudem im Lehrgang zum Swiss Certified Treasurer (SCT®) sowie im Lehrgang MAS Corporate Finance erhalten.

(Titelbild: Pixabay)

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