News aus dem Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Prof. Dr. Marco Passardi: Die Ökonomie der Zeitumstellung

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von Prof. Dr. Marco Passardi, Dozent und Projektleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Schon sehr bald ist es wieder so weit: In der Nacht vom 27. zum 28. Oktober, d.h. in rund einer Woche, müssen wir die Uhren nachts um 3 Uhr um eine Stunde zurückstellen. Die meisten von uns werden dazu allerdings nicht den Wecker stellen, sondern dies vor der Nachtruhe tun; oder aber die technischen Geräte schaffen den Sprung automatisch.

Ob die Zeitumstellung, wie wir sie jetzt noch kennen, auch in der Zukunft nötig sein wird, wurde unlängst kontrovers diskutiert. Ende August dieses Jahres verkündete EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, die Zeitumstellung in der EU abschaffen zu wollen. Dafür soll vermutlich die «ewige Sommerzeit» gelten. Mit grosser Wahrscheinlichkeit dürfte die Schweiz diesen Entscheid auch nachvollziehen und die 1981 auch in Helvetien eingeführte Zeitumstellung ebenfalls abschaffen. Böse Zungen behaupten bereits spöttisch, dass damit endlich der Volksentscheid von 1978, wonach die Schweizerinnen und Schweizer keine Zeitumstellung von Winter- auf Sommerzeit wollten, umgesetzt würde. Dem ist entgegenzuhalten, dass 1978 eher nicht die Zeitumstellung als solches abgelehnt wurde, sondern die Einführung der Sommerzeit, zu Gunsten einer «ewigen Winterzeit», verhindert werden sollte.

Eine Vielzahl von Studien hat die Auswirkungen der Zeitumstellung auf die Gesundheit analysiert; die Erkenntnisse sind jedoch zuweilen widersprüchlich und für Laien kaum abschliessend zu beurteilen.

Für Ökonominnen und Ökonomen interessanter ist es, die wirtschaftlichen Konsequenzen der Zeitumstellung zu beurteilen – verursacht die Umstellung der Wirtschaft per Saldo einen Nutzenzufluss oder -abfluss? – Dieser Frage umfassend und gründlich gewidmet hat sich 2014 in Deutschland das Büro für Technik-Folgen-Abschätzung (TAB) des deutschen Bundestages. Der entsprechende Bericht umfasst stolze 213 Seiten und liefert aus wirtschaftlicher Sicht durchaus interessante Erkenntnisse. Eine für diverse unterschiedliche Branchen durchgeführte Analyse vermochte aufzuzeigen, dass viele in Diskussionen verwendete Argumente grösstenteils auf subjektiven Meinungen, Vermutungen und Annahmen basieren, die sich mit wissenschaftlichen Grundlagen nicht erhärten lassen: So lässt sich weder nachweisen, dass auf dem Bau bei Sommerzeit besser gearbeitet wird (weil es im Tagesverlauf später heiss wird), noch profitiert das Gastgewerbe davon, dass abends die Leute wegen der Helligkeit länger draussen sitzen würden. Die deutsche Untersuchung stellt jedoch zutreffend fest, dass die Sommerzeit nach jahrzehntelanger Praxis kein virulentes Thema in den allermeisten Wirtschaftsbereichen mehr darstellen dürfte.

Der Entscheid, ob resp. wie wir inskünftig mit der Zeitumstellung umgehen, dürfte also vor allem politischer Natur sein – warten wir ab, wie sich die Schweizer Parteien und das «Volk» dazu stellen – und ob schon bald die Züge in Chiasso auf ihrer Reise nach Italien zwangsweise halten müssen.

Die ausführliche Kolumne von Prof. Dr. Marco Passardi in der Luzerner Zeitung finden Sie hier.

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