News aus dem Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Prof. Dr. Monika Roth: Wenn die Wahrheit überhaupt nicht (mehr) interessiert

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von Prof. Dr. Monika Roth, Dozentin und Studienleiterin am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Es gibt unzählige Zitate darüber, was denn der gute Ruf bedeute, was er wert sei und wie schnell er ruiniert sein kann. Und wir haben in Donald Trump einen amerikanischen Präsidenten, der Wilhelm Buschs Satz «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert» geradezu exemplarisch umsetzt.

Kürzlich hat jemand in einem Presseartikel von Instantverleumdungen gesprochen und damit thematisiert, dass sich heute nicht nur jeder und jede zu jedem Thema und zu jeder Person öffentlich äussern kann: Alle sind Spezialisten in allem. Das heisst eigentlich: Jeder, der sich dazu berufen fühlt, irgendetwas von sich zu geben, wird so Bestandteil der Journaille, des Presseboulevards. Der Begriff Journaille enthält das Wort «Jour» – es ist ein Hinweis auf Kurzlebigkeit, die Konzentration auf gerade Aktuelles. Die Endung «naille» ist abwertend im Sinne der Verächtlichkeit.

Kurzlebig ist es indessen überhaupt nicht, wenn in der Öffentlichkeit über Pesonen negativ berichtet wird, wenn Behauptungen als absolute Wahrheiten präsentiert und Beschuldigungen wie rechtskräftige «Gerichtswahrheiten» präsentiert werden. Für die Angegriffenen kann solches das Ende ihres gesellschaftlichen Ansehens bedeuten und gravierende Folgen auf die Psyche haben. Sie werden ausgegrenzt, und niemand will dann öffentlich zu dieser Person mehr stehen.

Im Rahmen der meines Erachtens zwar zu Recht lancierten #MeToo-Debatte ist es diesbezüglich zu Exzessen gekommen, die den Rahmen einer sinnvollen öffentlichen Diskussion sprengen. Zunächst ist es Sache der Justiz, deliktisches Verhalten zu untersuchen und echte #MeToo-Fälle zu sanktionieren. Zur funktionierenden Strafjustiz gehört, dass eine Anschuldigung keine Verurteilung ist und dass bis zum rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung gilt. Davon aber will der laute und manchmal masslose Volksmund rein gar nichts wissen. Die Unschuldsvermutung gilt da nicht. Zudem haben sich hier Frauen selbst teilweise als merkwürdige und widersprüchliche Wesen entpuppt: Wie man behaupten kann, von einem Filmproduzenten vergewaltigt worden zu sein, und nachher mit ihm ein mehrjähriges «Liebesverhältnis» unterhält, erschliesst sich mir gar nicht. Jedenfalls muss die Schlussfolgerung angedacht werden, dass Erfolg und Geld dann doch (noch) die Oberhand gewinnen.

Was allgemein auffällt, ist, wie schnell im Rahmen der #MeToo-Debatte Männer fallen gelassen wurden, sobald Anschuldigungen da waren (deren Motive man bitte nie hinterfragen wollte). In Schweden brachte sich der Theatermacher Benny Fredriksson, der Ehemann der Opernsängerin Anne Sofie von Otter, um, als Anschuldigungen gegen ihn laut wurden, die sich übrigens als haltlos erwiesen haben. Fredriksson war mutmasslich nicht immer ein netter Chef, eventuell ein harter, ungeduldiger und schwieriger Mensch – das alles sind viele, viele andere auch.

Diese Tragödie hat eine Facette, die ich speziell erwähnen will: Wer nämlich Fredriksson verteidigte, wer zu ihm stand der erlebte einen «Shitstorm». Alle hatten Angst, von den Medien in den Dreck gezogen zu werden, und bekamen zu spüren, wenn sie sich unterstützend äusserten. Die Politik und der Staat versagten vollkommen; man war feige, opportunistisch und auf bevorstehende Wahlen konzentriert. Es gibt ein Bild, das ich einem der Bücher von John Follain über die Mafia entnommen habe. Der 1982 von der Mafia ermordete Carabinieri- General Carlo Alberto dalla Chiesa erhielt Mitte 1970 einen Hilferuf eines Polizisten, der vom lokalen Mafia-Boss bedroht worden war. General dalla Chiesa fuhr dorthin und spazierte am hellen Tag mit dem Carabiniere durch den Ort auf und ab und blieb vor dem Haus des Mafioso stehen. Damit bekundete er ohne weiteres, wo er – nicht nur körperlich – stand. Das nennt man Haltung.

Was im geschilderten Fall in Schweden passierte, ist abstossend – niemand mit Anstand wird das bestreiten wollen. Aber es geht noch weiter: Die Haltung, die der 1982 von der Mafia ermordete General dalla Chiesa zeigte, erfuhr er selbst von anderen nicht. Die Komplizenschaft von Politikern mit der Mafia signalisierte diesem im Gegenteil, dass er sehr wohl angreifbar war, und man liess ihn so im Stich. Rom signalisierte Palermo: Der dort weilende dalla Chiesa geniesst keinen besonderen Schutz und keine wirkliche Unterstützung – wenn er so weiter machte, würde er halt den Preis bezahlen müssen. Man gab ihn so letztlich zum Abschuss frei.

Das bedeutet: Man muss sich diesen Instantverleumdungen entgegenstellen und Farbe bekennen. Wer sich nur vom Mainstream leiten lässt und stumm bleibt, versagt und handelt damit als politischer und gesellschaftlicher Entscheidungsträger ohne Sinn für Verantwortung.

Die Kolumne von Prof. Dr. Monika Roth ist in der Luzerner Zeitung erschienen.

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