News aus dem Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Swiss Bond Index (SBI) erschwert KMU Zugang zum Schweizer Kapitalmarkt

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Pedergnana-Maurice

 

 

 

von Prof. Dr. Maurice Pedergnana, Prof. Dr. Roger Rissi, Dozenten im Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Der Swiss Bond Index (SBI) wird einer gravierenden Veränderung unterzogen. Leidtragende sind Schweizer KMU und etablierte Unternehmen, denen der Zugang zum Schweizer Kapitalmarkt erschwert wird. Die Grossbankenvertreter haben das Vorgehen abgesegnet und der Regulator schaut dem Treiben passiv zu. Dem Franken-Kapitalmarkt ist damit ein Bärendienst erwiesen.  Prof. Dr. Maurice Pedergnana und Prof. Dr. Roger Rissi äussern sich wie folgt dazu:

Was stört Sie denn an dieser Veränderung?

Pedergnana: Zunächst stört mich, wie sozusagen durch die Hintertüre der Kapitalmarktzugang für Schweizer Unternehmen erschwert wird. Hintergrund dazu bildete der Entscheid der Indexkommission der SIX. Deren Swiss Bond Indizes (SBI) widerspiegeln die Entwicklung des CHF-Obligationenmarktes, aber nur im Bereich des „Investment Grade“. Wenn nun ein Unternehmen an den Kapitalmarkt treten will, das von einer Ratingagentur mit einem tieferen Rating beurteilt wird, ist der Zugang erheblich erschwert.

Weshalb soll sich das für Unternehmen negativ auswirken?

Rissi: Die Bond-Index-Kommission hat entschieden, eine für den aussenstehenden Beobachter als laienhaft agierend erscheinende, im Unternehmensbereich weitgehend unbekannte Ratingagentur einzubeziehen. Wenn die Regel lautet, dass das schlechteste Rating ausschlaggebend ist, kommt der Ratingagentur mit der schlechtesten bzw. konservativsten Methodologie ein überproportionales Gewicht zu. Wenn eine Schweizer Bank ihr Kreditgeschäft derartig beurteilen würde, wie diese Ratingagentur vorgeht, würde ihr die Banklizenz durch die FINMA entzogen.

Das klingt ziemlich deutlich. Welche Ratingagentur meinen Sie?

Pedergnana: Es handelt sich um die fedafin AG. Sie ist gemäss Website FINMA-anerkannt, und obschon sie über keinen Leistungsausweis im Bereich der Unternehmensratings verfügt, vergibt sie Unternehmensratings, welche SBI-relevant sind. Wenn man die wenigen, verfügbaren Informationen prüft, fehlt mir bei der fedafin AG der Nachweis, dass Unternehmensstrategien und deren Umsetzung, Bilanzen und Erfolgsrechnung wirklich verstanden werden. Die berufliche Erfahrung ist auf erstaunlich tiefem Niveau. Es sind nach unseren Informationen schon mehrfach Ratings zustande gekommen, ohne dass die Unternehmungen kontaktiert wurden. Sollte solches Gebaren zu einer FINMA-Anerkennung führen, wäre das für mich ein Versagen des Regulators.

Was stört Sie an deren Vorgehensweise?

Rissi: Das Vorgehen, im Schweizer Frankenmarkt nicht selten auf die SBI Indexfamilie und ETFs, die sich darauf abstützen. Damit aber übertragen sie de facto die Entscheide auf das Urteil der Ratingagenturen. Genau diese Agenturgläubigkeit hat die letzte Finanzkrise ausgelöst. Wir sind auf dem besten Weg dazu, in der Schweiz nichts daraus zu lernen. Weder bei der Bond-Index-Kommission  unter der Leitung von Werner Bürki noch bei der FINMA, welche auch Ratingagenturen ohne Track Record und Krisenerfahrung anerkennt.

Was ist die Konsequenz?

Pedergnana: Das Entscheidende ist, was an der Grenze zwischen Investment Grade und Subinvestment Grade geschieht. Wenn ein Unternehmen in Schieflage gerät, aber immer noch im Investment Grade (IG) Segment eingestuft wird, kann viel rascher und effizienter an der Verbesserung des Unternehmens gearbeitet werden. Ein Musterbeispiel dafür ist Glencore, die im vergangenen Jahr trotz allen Widrigkeiten an den Rohstoffmärkten ihr IG-Rating durch raschen Schuldenabbau, Dividendenstreichung usw. aufrechterhalten konnte. Vorübergehend gab es zwar Warnsignale. Diese lauten dann beispielsweise „Outlook negativ“. Fedafin schert sich um diese Feinheiten. Auf ihrer Website steht schon vielsagend, es gäbe keine richtigen oder falschen Ratings, wohl aber mehr oder weniger fundierte Ratings. Dabei scheint sich Fedafin bei den Unternehmensanleihen aufs zweite spezialisiert und vergibt – mangels Kenntnisse und aufgrund des Vorsichtsprinzips – lieber ein schlechteres Rating. Zudem sind viele Ratings alt, beim problembehafteten Energieunternehmen Alpiq ist das Rating schon mehr als ein Jahr alt. Das ist peinlich. Üblich ist, dass diese innert Wochenfrist nach einem Quartalsergebnis respektive einem zentralen Ereignis überarbeitet werden.

Rissi: Wenn eine Differenzierung zwischen BBB, BBB-, BB+, BB nicht vorhanden ist, ist das höchst seltsam. Da liegen Welten zwischen den einzelnen Stufen: eine Ratingskala verhält sich im Allgemeinen nämlich nicht einfach linear. Wenn jetzt Unternehmen wie heute OC Oerlikon und Implenia, morgen vielleicht Glencore, Bobst, Bucher, Sulzer, Aevis-Victoria und viele andere mehr aufgrund von einem Laien-Rating nach dem Vorsichtsprinzip und ohne mit dem Unternehmen Kontakt aufzunehmen mit einem BB geratet werden, können deren Anleihen aus dem SBI Index herausfallen. Zahlreiche Unternehmen sind gefährdet, und sie werden es aufgrund des Vorgehens der Ratingagentur nicht mal im voraus erfahren, was zu jeweiligen Ratingurteil geführt hat. Letzteres wiederum hat Signalwirkung weit über den Franken-Kapitalmarkt hinaus. Auch der Zugang zu Konsortialkrediten dürfte erschwert werden.

Pedergnana: Was die Bond-Index-Kommission, in der Vertreter der UBS (Alexandra Bossert), CS (Daniel Rupli) und Zürcher Kantonalbank (Hansjörg Schmidt) sitzen, sich dabei gedacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Sie hat dem Franken-Kapitalmarkt und den Schweizer Unternehmen jedenfalls einen Bärendienst erwiesen, sich auf eine derart unerfahrene Ratingagentur, die nicht mal über eine FINMA Anerkennung bei den Unternehmensanleihen verfügt, im Fall von Unternehmensanleihen abzustützen und zugleich die ersten Laien-Ratings zu veröffentlichen.

Quellen:
§ FINMA Rundschreiben 2012/1: Anerkennung von Instituten zur Bonitätsbeurteilung (Ratingagenturen; in Kraft seit 1. Januar 2012)
§ FINMA anerkannte Ratingagenturen – vgl. Fussnote 5: Die Ratings der fedafin AG sind nur für das Marktsegment „öffentlich-rechtliche Körperschaften“ anerkannt.
§ SIX Corporate Issuer Ratings for Swiss Bond Indizes
§ SIX Swiss Exchange Indices: Rules Governing the SBI Index Family (23. Dezember 2016)

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