News aus dem Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Rückbesinnung auf das Wesentliche

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Die globale Wirtschaft wächst schwächer und die USA dürfte möglicherweise auf einige rezessive Quartale zusteuern. In einem derartigen negativen Umfeld fokussieren manche Zentralbanken durch eine expansive Geldpolitik auf die Verhinderung einer Deflation und sorgen für eine Dollar-Überflutung, andere gleichzeitig – zumindest rhetorisch – auf die Bekämpfung von steigenden, durch Rohstoff- und Nahrungsmittelpreise (USD-)inflationierte Verbraucherpreisniveaus. Die Signale könnten nicht unterschiedlicher sein, nur eines bleibt gewiss: Europäische Regierungen haben die Schuldenkrise nicht im Griff, die US-amerikanische Regierung die ihrige noch weniger, und die chinesischen Lokalregierungen sind in dieser Hinsicht derzeit wohl die grössten globalen Sünder. Wobei letztere das Kapital immerhin in Strassen, Schulen und Spitäler investiert haben – mit kurzen Fälligkeiten, die aber problemlos umgeschuldet werden können. Man braucht jedoch kein Prognostiker zu sein, um den Finanzmärkten und den Währungen noch erhebliche Schwankungen und Turbulenzen vorauszusagen.

Ist deswegen in der Schweiz der Notstand auszurufen? Nach der Massnahme der SNB sind wir auf weitere Spekulationen gespannt. Die amerikanische Investment Bank Goldman Sachs hat noch am 16. August 2011 ihrer Hedge Fonds-Kundschaft klare Strategieempfehlungen einer 6monatigen
Putoption abgegeben: „EURO short, CHF long“.  Ist nun die Spekulationswelle bereits vorbei? Ist die Rhetorik von „Währungskrieg“, die bei uns manche Politiker bemühen, überhaupt angemessen?

Jede Marktlage hat immer zwei Seiten; sie ist stets mit Risiken, aber auch mit Chancen verbunden. Unternehmensbezogen hat der Markt etwas Unbarmherziges. Schonungslos kann er Versäumnisse aufdecken. Der derzeitigen Frankenaufwertung kann viel Positives abgewonnen werden: Akquisitionen und Investitionen im Ausland sind viel günstiger geworden, Importe und Dienstleistungen ebenfalls. Aufgrund der Wechselkursanbindung von asiatischen Ländern an den US-Dollar gilt dieser Sachverhalt für Schweizer Unternehmen praktisch weltweit. Vielleicht liegt der Grundirrtum mancher Führungskräfte darin, dass sie sich im Verwaltungsrat über Jahre hinweg haben täuschen lassen, und möglicherweise haben manche Unternehmer exogene Einflussfaktoren für stabil gehalten und deshalb die Risikoprämien, die sie für viel realistischere Schwankungen hätten aufbringen müssen, eingespart. Im Automobilmarkt kennen wir ein Versicherungsobligatorium, in der weit umfassenderen Unternehmenswelt nicht. Soll man nun Krokodilstränen verlieren, weil einige Unternehmen im steiler gewordenen Auf und Ab einer Marktwirtschaft ungesichert und mangels überzeugenden Geschäftsmodellen, robusten Marktstrategien und flexiblen Organisationen abzustürzen drohen?

Ein Geschäftsmodell, das zur Hauptsache von einem bestimmten Wechselkurs abhängig ist, ist kein gutes, und gewiss kein nachhaltiges. Wer jammert, gesteht ein, dass gewisse strategische Aufgaben in den letzten Jahren vernachlässigt worden sind. Atypisch sind Zeiten langanhaltenden, ununterbrochenen Aufschwungs. Gegenwärtige „Krisen“-Zeiten dagegen haben Unternehmen stets begleitet, flexibel und fit gehalten sowie international wettbewerbsfähig gemacht. Diese Zeiten müssen genutzt werden, um eine Firma durch eine geeignete Strategie, durch eine tragfähige Organisation und durch den optimalen Ressourceneinsatz (Beschaffung, Produktion, Verkauf, Backoffice, After-Sales) im In­- und Ausland anpassungs-und lebensfähig zu machen. Wer nur durch einen bestimmten Wechselkurs am Überleben gehalten werden kann, hat unternehmerisch versagt.

Die regionalen Wirtschaftskontakte der SNB haben im Frühsommer 2011 zu Tage gefördert, dass gut 30 % der negativ beeinflussten Unternehmer angegeben haben, nebst operativen Massnahmen auch strategische Überlegungen über die Zukunft ihrer Unternehmen anzustellen. Erwartet hätte ich 100 %. Denn die Vorstellung von einer allmächtigen Schweizerischen Nationalbank, die sich gegen die weltweite Spekulation in den Schweizer Franken zu wehren vermag, muss trotz heutiger Verpflichtung aufgegeben werden. Sie steht für mich ohnehin im Widerspruch zum eingeschränkten Instrumentarium und zur eingeschränkten längerfristigen Handlungsfähigkeit der SNB – gerade auch hinsichtlich der Wirksamkeit von währungspolitischen Massnahmen in Krisenzeiten.

Aber auch den derzeitig positiv beeinflussten Unternehmern (z.B. in einem boomenden Bau-und Immobiliensektor mit rekordtiefen Zinssätzen bei rekordhohen Kreditvolumina) ist derzeit dringend zu empfehlen, sich strategisch mit Änderungen im Umfeld auseinanderzusetzen. Sowieso gilt dies auch für jene Kreise, welche die Augen davor verschliessen, dass sich der Trend der Deindustrialisierung in der Schweiz beschleunigen wird. 6. September 2011 hin
oder her.

Das hat auch etwas Heilsames an sich: Denn schon in dem Augenblick, in dem der Druck der „Krise“ durch eine scheinbar erfolgreiche SNB-Aktivität nachlässt, lässt auch vielenorts das unternehmerische Streben nach, harte Grundsatzfragen zu beantworten und eine robuste Strategie Punkt um Punkt umzusetzen. Ganze Volkswirtschaften wie Lettland sind jüngst durch schmerzhafte Anpassungsprozesse hindurch. Ich wünschte mir auch für die Schweiz statt einer Spekulation auf stabile Währungsrelationen eine Rückbesinnung auf unternehmerische Stärken und Chancen und eine erhöhte Anpassungsfähigkeit.

1 Kommentar

  1. „…das zu Geld gewordene Gold ermöglichte es den Barbaren, die Arbeitsteilung einzuführen und sich technisch für die Warenerzeugung einzurichten. Das Gold war eine Leiter, die es dem Urmenschen gestattete, aus seiner Höhle auf lichtere Höhen des Menschentums zu steigen. Doch es war eine schadhafte Leiter, und eine schadhafte Leiter wird umso gefährlicher, je höher man damit steigt.“

    Silvio Gesell („Ist der Bürger- und Völkerfrieden vereinbar mit der Goldwährung?“, 1916)

    Wer – solange es noch möglich ist – auf der obersten Sprosse einer schadhaften Leiter stehend den Ausblick genießen will, darf auf gar keinen Fall wissen, dass die Leiter schadhaft ist. Zu diesem Zweck gibt es Vorurteile:

    1. „Wir haben doch heute gar keine Goldwährung mehr.“
    2. „Wenn wir noch eine Goldwährung hätten, wären unsere Ersparnisse sicher.“
    3. „Wenn die Währung zusammenbricht, drucken wir einfach eine neue.“
    4. „Wenn wir uns alle etwas einschränken, kommen wir auch ohne Geld aus.“
    …usw…

    Als noch niemand wusste, wie die Makroökonomie zu gestalten ist, damit Bürger- und Völkerkriege gar nicht erst entstehen, musste der Kulturmensch im wahrsten Sinn des Wortes „wahnsinnig genug“ für das Unternehmen „Arbeitsteilung mit Konstruktionsfehlern“ gemacht werden, damit das, was wir heute „moderne Zivilisation“ nennen, überhaupt entstehen konnte.

    Heute gibt es dieses Wissen, doch bei den Allermeisten ist es noch nicht angekommen. Im Verlauf der Jahrtausende versank die halbwegs zivilisierte Menschheit in einem Ozean von Vorurteilen, aus dem ein Auftauchen aus eigener Kraft so gut wie unmöglich wurde:

    http://www.deweles.de