Controlling, Accounting & Corporate Finance am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Integrität – Ein Führungsinstrument?

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von Dr. Mirjam Durrer, Dozentin und Studienleiterin für Risk and Compliance, und Prof. Dr. Stefan Hunziker, Professor für Enterprise Risk Management und Internal Control, Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Der Beitrag zum Thema «Den Mehrwert von Compliance messbar machen» hat aufgezeigt, dass Unternehmen viel in die Compliance investieren. Dabei ist, wie in ISO 19600 festgehalten, die Auseinandersetzung einer Organisation mit dem Thema Compliance „idealerweise geprägt durch die Leitung, welche zentrale Werte und allgemein anerkannte Grundsätze der Corporate Governance sowie ethische und gesellschaftliche Anforderungen anwendet“ (SN ISO 19600, S. 5).

Während Compliance in der Vergangenheit vor allem regelbasiert war, ist das heutige Verständnis von Compliance prinzipienbasiert. Das bedeutet, dass sich die Mitarbeitenden an den Werten des Unternehmens als Leitplanken orientieren können, um in der jeweiligen Situation zu beurteilen, welches Verhalten richtig ist. Die Mitarbeitenden sind dadurch – im Gegensatz zur regelbasierten Compliance – aufgefordert, eigenständig zu denken und sich entsprechend zu verhalten. Die Mitarbeitenden werden mittels einer prinzipienbasierten Compliance befähigt, bewusste Entscheidungen zu treffen, die gut für das Unternehmen sind.

Die Werte der Organisation stellen die Basis der Unternehmung dar und bilden die Grundlage für die Vision, die Mission und die Ziele. Dabei dienen die Werte in einer Organisation der Normierung von Verhaltensweisen, welche insgesamt als Unternehmenskultur bezeichnet werden können. Die Umsetzung und Adaption von solchen Werten kann im Kontext des normativen Rahmens der Unternehmung unter dem Begriff der Integrität subsumiert werden.

Integrität kann somit als Teil der Werte des Unternehmens verstanden werden. Sobald Zugehörigkeit zur Organisation erfolgt, entsteht die Verpflichtung, die unternehmerischen und firmeninternen Werte und Regeln zu befolgen und zu adaptieren. Dabei kann Integrität zur Unterstützung und Erreichung der Unternehmensziele beitragen. Im Unternehmenskontext bedeutet Integrität deshalb, dass die Mitarbeitenden das Richtige tun, auch wenn niemand hinschaut.

In diesem Sinne stellt Integrität einerseits eine Voraussetzung von Compliance dar: Ohne integres Verhalten der Mitarbeitenden kann Compliance nicht gewährleistet werden. Anderseits stellt Integrität aber auch Teil von Compliance dar, insbesondere dann, wenn es um die Einhaltung der externen oder internen Compliance geht, wozu beispielsweise ein Verhaltenskodex («Code of Conduct») gehört.

Im Sinne eines «Code of Coduct» lassen sich die Unternehmenswerte – und somit auch Aspekte der Integrität – zu einem gewissen Grad verschriftlichen. Dennoch müssen die Werte der Unternehmung insbesondere gelebt werden, damit die Mitarbeitenden einen Orientierungspunkt haben. Die gelebte Führung im Unternehmen stellt deshalb ein wichtiges Integritäts-Kriterium dar. Es ist zentral, dass die Führungsverantwortlichen die Compliance-Anforderungen und die Compliance-Verpflichtungen (vor-)leben und damit ihrer Vorbildfunktion gerecht werden.

Im Rahmen des vom KBA NotaSys Integrity Fund unterstützen Forschungsprojekts «Integrität als Führungsinstrument» wurden in einem ersten Schritt mehrere Integritäts-Kriterien erarbeitet. Diese Integritäts-Kriterien, welche sich in zusätzliche Integritäts-Dimensionen unterteilen lassen, haben zum Ziel, integres Verhalten in Unternehmen zu bewerten.

Diese Integrität-Kriterien sollen in einem zweiten Schritt zu Integritäts-Risk-Indikatoren weiterentwickelt werden, welche in bestehende Risk Management-Systeme integriert werden können. Ziel ist es, Unternehmen im Sinne eines modernen, präventiven Integritätsansatzes zu analysieren und die Ergebnisse in das jeweilige Risk Management-System implementieren zu können.

Ob Integrität somit tatsächlich als eigentliches Führungsinstrument zu verstehen ist oder – und dahin gehen die Tendenzen – doch eher als Führungsprinzip, welches für ein wirksames Compliance-Management-System und folglich auch für ein wirksames Risk Management-System inhärent ist, gilt es nunmehr zu klären.

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