Geschichten hinter den Kulissen des Departements Technik & Architektur

Von A nach B im belebten Shanghai

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Unser Gebäudetechnik | Energie-Student Tobias Müller verbringt das letzte Jahr seines Bachelor-Studiums in China. Nach einem Austausch-Semester an der Tongji University, arbeitet er aktuell bei einem Schweizer Unternehmen. In einer Kolumne im Entlebucher Anzeiger berichtet er regelmässig über seine Erlebnisse im fremden Land. Lesen Sie hier, was wir in punkto Rücksichtnahme noch alles lernen können.

 

Anstehen in der U-Bahn © Tobias Müller

Wenn 24 Millionen Menschen auf einem Haufen leben und jeden Tag von A nach B müssen, ist dies für den Schienen- und Strassenverkehr natürlich eine riesige Herausforderung. Das weitverzweigte U-Bahn-Netz hat insgesamt eine Länge von über 600 Kilometer und ist das beste und günstigste Fortbewegungsmittel in Shanghai. Eine Fahrt von der einen auf die andere Seite der Stadt dauert über 1,5 Stunden und kostet weniger als zwei Schweizer Franken. Die Stadt bietet somit auch den zahlreichen Menschen mit geringem Einkommen die Möglichkeit, zur Arbeit oder zu Freunden zu reisen. Zur Rushhour wimmelt es in der U-Bahn nur so von Menschen und man muss sich den Weg in oder aus dem Waggon regelrecht erkämpfen. Die Stimmung bleibt entspannt und wie auch in der Schweiz üblich, werden die Sitzplätze immer für ältere Menschen oder Kinder freigemacht. Auf der Schiene läuft im Vergleich zur Strasse alles sehr geordnet ab. Dies gilt dort vor allem für das meistgenutzte Fahrzeug, den Elektroroller.

 

Mit dem Elektroroller wird die gesamte Familie von A nach B transportiert © Tobias Müller 

Da die Regierung die Anzahl der Zulassungen von Verbrennungsmotoren reguliert hat, sind die Preise für Motorrad oder Autonummern so stark gestiegen, dass sie den Kaufpreis des Fahrzeuges bei weitem übersteigen. Dadurch können sich nur sehr wohlhabende Menschen einen Benziner oder Diesler leisten. Der Rest fährt mit Strom. Shanghai hat über 100000 zugelassene Elektroautos und die Anzahl an Elektrorollern dürfte diese Zahl noch um ein Vielfaches übersteigen. Ob die Akkus bereits mit grünem Strom geladen werden, wage ich zu bezweifeln, jedoch ist es eine Entwicklung in die richtige Richtung, denn die Luftqualität in der Stadt wurde so erheblich verbessert. Im ganzen Land ist der Strassenverkehr im Wandel und China nimmt in Bezug auf Elektromobilität weltweit eine Vorreiterrolle ein.

 

Während sich die Autofahrer vorwiegend an die Verkehrsregeln halten, werden sie von allen die auf zwei Rädern unterwegs sind, eher willkürlich interpretiert. Ein gefährliches Chaos – könnte man auf den ersten Blick meinen. Je länger ich in Shanghai bin, merke ich jedoch, dass die Chinesen ein viel besseres Mittel als Regeln gefunden haben, um Unfälle zu vermeiden: Rücksicht. Während die meisten Schweizer, und da zähle ich mich leider dazu, hinter dem Steuer voller Emotionen auf ihr Vortrittsrecht pochen und die anderen Verkehrsteilnehmer verfluchen, wenn sie falsch fahren oder mit ihrem Fahrstil eine Spur versperren, ist die Stimmung hier eine ganz andere. Die Chinesen pflegen einen rücksichtsvolleren, gemächlicheren und weniger emotionalen Fahrstil als wir. Kreuzungen
und Einfahrten werden langsam angefahren und wenn mal einer ein Lichtsignal nicht einhält, bremsen halt die anderen. Die Hupe, in der Schweiz das Mittel,
um diesem Idioten vor mir klar zu machen, dass er sich aus dem Staub machen soll, wird hier ganz anders verwendet. Sie dient dem Fahrer nur dazu, auf sich aufmerksam zu machen, wenn es mal wieder unübersichtlich wird. Sie wird deshalb auch eher sanft und unaufgeregt gedrückt. Dieser rücksichtsvolle Fahrstil wäre doch mal etwas, was wir von China kopieren könnten!

 

Ladung transportieren in China. ©Tobias Müller

Was mich auch immer wieder erstaunt, ist die Kreativität beim Beladen der Fahrzeuge. Da die Stadt gänzlich flach ist, werden gerade die Elektroroller so
schwer beladen, bis sie sich kaum mehr von der Stelle bewegen können. Da kann es schon mal passieren, dass das eigentliche Fahrzeug vor lauter Ware nicht mehr ersichtlich ist. Die geschäftigen Chinesen transportieren so jeden Tag riesige Mengen an Material elektrisch durch die Stadt und dies ist für viele auch der erste Schritt in die Selbstständigkeit. Roller kaufen und damit ausliefern, so einfach gehts und wenn die Rücksicht auf der Strasse in Zukunft so bleibt, ist das einer der sicheren Jobs in Shanghai.

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