Wie Covid-19 die Kriminalität verändert

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Von Monica Fahmy

Die Pandemie beeinflusst die Kriminalität. Die Verdachtsfälle auf Online-Betrug und Betrug mit Corona-Krediten nehmen zu. Wegen Corona sind zusätzliche Einsätze nötig. Wie Strafverfolger die Herausforderungen meistern, erzählt Dr. Andrea Jug-Höhener von der Kantonspolizei Zürich.

Am 13. November 2020 hätte die Schweizerische Expertenvereinigung «Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität» SEBWK ihre jährliche Tagung durchführen wollen. Aber im Coronajahr 2020 kam alles ganz anders. Anstelle der jährlichen Tagung organisierte der Vorstand der SEBWK nun eine Miniserie von Interviews.

Im zweiten Interview sprach die SEBWK mit Dr. Andrea Jug-Höhener, welche seit 2016 die Ermittlungsabteilung Wirtschaftskriminalität bei der Kantonspolizei Zürich leitet. Zuvor arbeitete sie als Staatsanwältin bei der Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte in Zürich.


Dr. Andrea Jug-Höhener

Die schon lange beobachtete Verschiebung von Betrugshandlungen in den digitalen Bereich werde durch die Covid-19 Pandemie mutmasslich noch gefördert, sagt die Juristin im Interview. Online-Käufe wurden beispielsweise nicht geliefert oder Lieferungen nicht bezahlt. Auch Online Anlagebetrüger sind auf dem Vormarsch. Für Menschen, deren finanzielle Situation durch die Pandemie schwierig ist, kann es umso verführerischer sein, wenn online hohe Renditen versprochen werden. Dank interkantonaler und internationaler Zusammenarbeit sei es bei Anlagebetrügen einfacher oder überhaupt erst möglich, Tätergruppen zu erkennen und im Einzelfall die Verantwortlichen zu identifizieren und zu lokalisieren. Ein koordiniertes Vorgehen ist deshalb unumgänglich.

«Die Anzahl von Corona-Kreditbetrügen ist hoch»,

sagt Dr. Andrea Jug-Höhener. Im Kanton Zürich sind es derzeit über 150 Fälle mit einer Deliktsumme von knapp CHF 30 Millionen (Stand November 2020). Da die Unterstützung für von der Pandemie betroffene Unternehmen unkompliziert und schnell sein sollte, konnte die Prüfung nicht so vorgenommen werden wie in normalen Zeiten. «Das hat dem Missbrauch natürlich Vorschub geleistet», sagt Dr. Andrea Jug-Höhener.

Auf Bundesebene sei man bei den Fallzahlen im vierstelligen Bereich. Die Meldestelle für Geldwäscherei MROS habe bisher über 700 Verdachtsfälle gemeldet, im Gesamtbetrag von etwa CHF 100 Millionen. Die Fälle gleichen sich. Da sind diejenigen, die nicht bezugsberechtigt waren, aber mit falschen Angaben, bspw. überhöhten Umsatzzahlen, eine Auszahlung erwirkten. Dann gibt es diejenigen, die zwar bezugsberechtigt waren, den erhaltenen Betrag aber zweckentfremdeten, etwa für den Kauf von Luxusfahrzeugen. «In einem Fall wurde am Kapitalmarkt in Aktien investiert», sagt Dr. Andrea Jug-Höhener. «Das ist natürlich nicht die Idee der Corona-Kredite».

Wird eine hohe Anzahl ähnlicher Delikte festgestellt, versucht die Kantonspolizei Zürich zusammen mit der Staatsanwaltschaft Muster zu generieren, nach denen die Fälle abgearbeitet werden. Dies erlaube, die Fälle zeitnah zu bearbeiten.

«Natürlich erfolgt die Einzelfallbetrachtung immer und diese ist wichtig»,

sagt Dr. Andrea Jug-Höhener weiter. Bei digitalen Betrugsfällen sei die interkantonale und internationale Zusammenarbeit sehr wichtig. Dies erlaube, viel breitere Ermittlungsansätze und Zusammenhänge zu erkennen als im Einzelfall. Häufig stecken hinter den Delikten Tätergruppierungen. «Wenn man die Daten nicht zentral sammelt und analysiert, ist es praktisch unmöglich, die Täterschaft im Einzelfall zu überführen», sagt sie.

Die Covid-19 Pandemie hat die Kantonspolizei ebenfalls vor zusätzliche Herausforderungen gestellt. Es galt und gilt, die Grundversorgung sicherzustellen und gleichzeitig die eigenen Mitarbeitenden zu schützen – sei es bei Einvernahmen oder bei Verhaftungen. Zudem sind zusätzliche Einsätze notwendig, etwa Patrouillentätigkeit wegen der Einhaltung von Corona-Massnahmen. «Die Pandemie verändert die Menschen und ihren Alltag», sagt Dr. Andrea Jug-Höhener. «Das hat natürlich auch einen Einfluss auf die Kriminalität».

Hier geht’s zum ganzen Interview.

Der nächste Beitrag auf dem Blog Economic Crime erscheint nach den Weihnachtsferien am 4. Januar 2021.

Frohe Festtage!


Über die Autorin

Monica Fahmy ist Ökonomin (MA UZH) und Absolventin des MAS Economic Crime Investigation. Sie ist COO bei der auf Investigations und Business Intelligence spezialisierten Firma Family Assets Control AG und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Expertenvereinigung zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität SEBWK.

 

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