Wie weiter mit dem Betrugsdreieck von Cressey?

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Von Jean-Claude Rochat

Wir konnten unlängst neue Formen der Wirtschaftskriminalität innerhalb der Finanzindustrie beobachten, bei denen sich Personengruppen zu Tätern entwickelt haben. Bietet sich dazu eine Gelegenheit, das Betrugsdreieck von Cressey anzupassen?

Kürzlich unterrichtete ich eine Klasse des Studiengangs MAS en Lutte contre la criminalité économique zur Universalität des Missbrauchs. Dabei kam ich, wie so oft, auf das Betrugsdreieck von Donald Cressey zu sprechen. Nach seiner Theorie steigt die Wahrscheinlichkeit doloser Handlungen, wenn drei Faktoren gemeinsam gegeben sind: (i) Gelegenheit, wie beispielsweise fehlende oder ineffektive Kontrolle, (ii) Motivation, wie beispielsweise Anreiz oder Druck, und (iii) Rechtfertigung, der Täter rechtfertigt seine Tat vor sich selbst sowie vor anderen Personen.

(Das Betrugsdreieck von Donald Cressey)

Es fiel mir auf, dass der Faktor «Rechtfertigung» im Laufe der Zeit viel von seiner «Schärfe» eingebüsst hat. Die Häufung von Fällen, die nicht bloss von einem Einzeltäter ausgeübt, sondern von mehreren Akteuren gemeinsam begangen wurden, untermauert diesen Eindruck. Die Schwelle dazu dürfte sich erheblich gesenkt haben.

Überlegungen zum Betrugsdreieck von Cressey

Meiner Ansicht nach ist das Betrugsdreieck von Cressey auch heute noch aktuell, solange man es auf eine einzelne Person bezieht. Mir scheint aber, dass wir eine Verwässerung der drei Faktoren erleben. Wenn Komplizenschaft ins Spiel kommt, verdeutlicht sich dies. Interne Komplizenschaft erschwert die Betrugsaufdeckung. Alternativ können Komplizen extern bei anderen Unternehmen tätig sein, wodurch die internen Kontrollfunktionen ganz umgegangen werden können. Ich denke dabei insbesondere an den LIBOR-Betrug, dessen Festsetzung durch Absprachen zwischen Händlern aus verschiedenen Instituten beeinflusst wurde. Der Faktor «Rechtfertigung» dürfte sich hier völlig aufgelöst haben. Es entstand eine Art «virtuelle Interessengemeinschaft».

Diese Gedanken haben mich dazu bewogen, drei Missbrauchsgruppen etwas näher zu beleuchten.

LIBOR Manipulationen – als «lose virtuelle Interessengemeinschaft»

Generell wurde das Missbrauchsrisiko bei der Festsetzung von Referenzzinssätzen, wie zum Beispiel beim LIBOR, als tief eingeschätzt, so auch bei der Internen Revision meines ehemaligen Arbeitgebers. Der Fixierungsmechanismus war so ausgestaltet, dass eine einzelne Person oder selbst ein einzelnes Institut kaum in der Lage gewesen wäre, dessen Höhe zu beeinflussen. So dachten wir – bis zum ersten Fall in Tokyo bezüglich TIBOR. Wie sich herausstellte, waren nicht Einzeltäter und auch nicht Einzelinstitute die treibende Kraft hinter diesen Manipulationen, sondern Händlergruppen. Diese hatten sich offensichtlich in einer «losen virtuellen Interessengemeinschaft» mehr oder weniger zufällig zusammengefunden, aufgelöst, wieder geformt und verändert, ehe die Machenschaften aufgedeckt wurden.

Wells Fargo Konsumentenmissbrauch – Institutionalisierter Betrug

Ein Skandal dominierte die Schlagzeilen kürzlich, als der Schlussbericht «The Real Wells Fargo: Board & Management Failures, Consumer Abuses, and Ineffective Regulatory Oversight» vom März 2020 veröffentliche wurde. Der Bericht vom amerikanischen Parlamentsausschuss schildert die Missbrauchskultur, die sich in Teilen des Institutes verbreitete hatte. Kurz vor der Veröffentlichung hatte das amerikanische Justizministerium eine imposante Busse verhängt. «Wells Fargo erklärt sich bereit, 3 Milliarden Dollar zu zahlen, um straf- und zivilrechtliche Untersuchungen von Verkaufspraktiken beizulegen, bei denen Millionen von Konten ohne Kundenautorisierung eröffnet wurden» wird das Ministerium zitiert.

(Schlussbericht «The Real Wells Fargo:
Board & Management Failures, Consumer Abuses, and Ineffective Regulatory Oversight»)

Das Geschäftsmodell von Wells Fargo beruhte auf der sogenannten «Cross Sell Strategy». Wells Fargo führte in seiner Privatkundengeschäftsdivision «Community Bank» ein volumenbasiertes Verkaufsmodell ein. Dabei wurden die Mitarbeiter angewiesen und unter Druck gesetzt, unter falschen Vorwänden oder ohne Kundenzustimmung Millionen von Konten zu eröffnen oder grosse Mengen von Produkten an bestehende Kunden zu verkaufen. Dies geschah ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Kundenbedarf oder den erwarteten Nutzen.

Es geht mir hier nicht um die einzelnen Untaten, sondern um deren Systematik innerhalb eines Unternehmens. Wie kann sich eine Kultur des Missbrauchs in einem Unternehmen über Jahre verbreiten, ohne von den dafür bestimmten Überwachungsfunktionen aufgedeckt zu werden?

Australische Banken – Täterschaft des Finanzsektors als Ganzes

Der Skandal um das Verhalten australischer Banken hatte Königin Elisabeth II dazu veranlasst, im Dezember 2017 einen königlichen Untersuchungsausschuss einzuberufen. Dessen Schlussbericht vom Februar 2019 umfasst 3 Bände und ist insgesamt 1’133 Seiten lang.


(Final Report: Royal Commission into Misconduct in the Banking,
Superannuation and Financial Services Industry)

Worum geht es hier?

Am 5. Mai 2014 strahlte ABC TV Four Corners zusammen mit Journalisten von Fairfax einen Beitrag über die verkaufsorientierte Kultur innerhalb der Finanzplanungsabteilung der Commonwealth Bank of Australia (CBA) aus. Darin wurde die «Gewinnmaximierung um jeden Preis» beschrieben. Die anschliessende Untersuchung deckte einen Betrugsskandal auf, der Tausenden von CBA-Kunden Millionen von Dollar aus der Tasche zog.

Die weiteren Untersuchungen brachten eine erschreckende Kultur innerhalb der grössten Banken Australiens zu Tage, darunter die ANZ Bank, Macquarie Bank, National Bank of Australia und Westpac.

Auch hier stellt sich mir die Frage: Wie kann sich eine Kultur des Missbrauchs nicht nur in einem Unternehmen, sondern auf dem gesamten Finanzplatz über Jahren verbreiten, ohne von den dafür bestimmten Überwachungsfunktionen aufgedeckt zu werden?

Was ist nun mit Cressey?

Die geschilderten Vorfälle illustrieren ein Verhalten, welches nicht mehr in Einklang mit Cressey’s Dreieck steht.

Die Untersuchungen, welche zur Klärung der drei aufgeführten Vorfälle durchgeführt wurden, haben eine gemeinsame Schwäche aufgedeckt: Eine zu lasche Wahrnehmung und mangelnde Skepsis der Aufsicht / Oberaufsicht und zwar intern, gesellschaftlich und behördlich.

Um der Dichotomie zwischen Einzel- und Gruppentäter besser Rechnung zu tragen, habe ich mich gefragt, ob das Dreieck von Cressey nicht zu einem Quadrat umgeformt und mit einer neuen Dimension erweitert werden könnte:

(The fraud square)

Die Dreieckverdoppelung verdeutlicht dem Leser, wie Gruppendynamik und schwache Überwachungs- und Kontrollfunktionen die Faktoren Motivation und Rechtfertigung im Spannungsfeld zur Gelegenheit beeinflussen. Ich bin dabei der Meinung, dass diese Hürden im Kollektivum einfacher überwindbar sind.


Über den Autor


Jean-Claude Rochat ist eidg. dipl. Wirtschaftsprüfer und langjähriger Mitarbeiter in der Konzernrevision der UBS. Er besuchte das International Executive Programme der INSEAD in Fontainebleau sowie den Nachdiplomkurs Compliance Management am IFZ in Zug. Nachdem er den MAS Economic Crime Investigation an der Hochschule Luzern (HSLU) erlangte, unterstützt er den selben Lehrgang am Institut de Lutte contre la Criminalité Économique ILCE in Neuchâtel zum Thema Finanzanalyse.


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