Soziogramme in internen Untersuchungen

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Von Sonja Stirnimann

Bei der internen Untersuchung wirtschaftskrimineller Ereignisse ist es wichtig, die Beziehungen einzelner im Fokus stehender Personen zu identifizieren. Wie kann ein Soziogramm den Alltag eines Prüfers, Ermittlers, Gutachters oder Sachverständigen erleichtern?

Aus einem Soziogramm lassen sich die einzelnen Beziehungen von Personen innerhalb eines Kontextes ableiten. Das kann dazu dienen, um in einer Chaosphase, welche zu Beginn von Untersuchungen typischerweise herrscht, einen Überblick zu schaffen und eine Struktur zu finden. Erfahrungsgemäss ist der Entwurf in dieser ersten Phase ein Bruchteil des Soziogramms, das am Ende einer Untersuchung vorliegt.

Oftmals ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, wer mit wem welche Beziehungen pflegt, welche Informationen in welche Richtungen fliessen und wer welche Entscheidungen trifft. Das Soziogramm gibt – je nach angewandter Methodik und Reifungsgrad ­ darüber Auskunft.

Sachverhaltsermittlung

Bei der Sachverhaltsermittlung wird mit Hypothesen gearbeitet. Es werden mögliche Szenarien definiert, welche durch die Visualisierungsmöglichkeiten im Soziogramm unterstützt werden können. Eventuell lassen sich daraus bereits Indizien erkennen, die auf mögliche missbräuchliche Handlungen hindeuten.

Der Start eines Soziogramms ist in der Praxis oft bescheiden und die Verankerung der Methodik ist noch nicht durchgängig sichtbar. Das heisst, mit Bleistift wird auf Papier skizziert. Die Option, ganze Wände zu nutzen ist zu bevorzugen. Die Verlockung, dies direkt in einem Tool zu lösen ist gross. Was spricht dagegen? Soziogramme zu zeichnen ist ein Prozess, der reift. Durch die Verwendung von Papier, haftenden Notizzetteln und allenfalls Faden, lassen sich Soziogramme auf einfache Art und Weise verändern. Im Laufe der Sachverhaltsermittlung werden diese in der Regel immer grösser. Darum gilt: Analog vor digital. Auch dann, wenn am Schluss ein Soziogramm in ein Tool einfliessen kann.

Was gehört in ein Soziogramm?

Fügen Sie alles ein, was Sie beleuchten wollen und relevant ist für die zu klärenden Fragestellungen. In den meisten Fällen suchen wir nicht nur die Protagonisten mit ihren Namen, sondern wir wollen auch Attribute sehen, die sich ihnen zuordnen lassen. Das können Charaktereigenschaften, Funktionen, Zeitperioden, Nationalitäten, Zugehörigkeiten, etc. sein.

Arbeiten Sie mit verschiedenen Farben. Grund: Durch die optische Unterscheidung werden die beiden Hirnhälften besser angesprochen. Innerhalb von Teams, die mit Soziogrammen arbeiten geht es darum, dass jeder die Legende des Soziogrammes kennt. Das bedarf einer guten Dokumentation und Instruktion des ermittelnden Teams.

Nutzen

Welchen Nutzen bringen die Soziogramme nun konkret für eine Sachverhaltsermittlung? Sie dienen der Strategie und helfen, die notwendigen prüfungs- und ermittlungstechnischen Massnahmen abzuleiten.

Jedes Soziogramm hat weisse Flecken. Genau diese sind von Interesse! Sie zeigen auf, welche Informationen und insbesondere Fakten in Form von Beweisen noch fehlen. Hier sind die Prüfungs- und Ermittlungshandlungen gezielt einzusetzen. Am Ende sollen die weissen Flecken mit Antworten gefüllt sein.

Ein professionell erstelltes Soziogramm ist am Ende der Sachverhaltsermittlung die Landkarte, die die Hypothesen, Indizien und Beweise visualisiert. Die detaillierten Ausführungen dazu widerspiegeln sich im Sachverhaltsbericht – dem sogenannten «Fact Finding Report».

Seien Sie offen und lassen Sie sich nicht einschränken: Je nach Ausgangslage ist es notwendig, verschiedene Soziogramme zu skizzieren, verwerfen und neu zu denken. Jeder neue Hinweis kann ein gesamtes Soziogramm in Frage stellen. Und so soll es auch sein.

 


Über die Autorin

Sonja Stirnimann hält einen internationalen Executive MBA in Financial Services & Insurance, ist diplomierte Wirtschaftsprüferin, Certified Fraud Examiner und Wirtschaftsmediatorin. Sie verfügt über mehr als 25 Jahre Berufserfahrung in verschiedenen Branchen. Mit der Firma Structuul unterstützt Sonja Stirnimann Verantwortungsträger präventiv und reaktiv bei der Behandlung von Non-Compliance, Wirtschafts- und Cyberkriminalität, fokussierend auf die Sicherstellung der Handlungsfähigkeit und Reputation der Betroffenen Parteien. Sie lehrt an verschiedenen Instituten, sensibilisiert als Rednerin zu ihren Expertenthemen und übernimmt Verantwortung als mehrfache Verwaltungsrätin. Ihr Fachbuch “Der Mensch als Risikofaktor bei Wirtschaftskriminalität. Handlungsfähig bei Non-Compliance und Cyberkriminalität” ist im Sommer 2018 im Springer Verlag erschienen.


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