Entwicklung der Wirtschaftskriminalität

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Von Dr. Claudia V. Brunner, Susanne Grau und Sascha Brun

Seit vielen Jahren haben sich Polizei und Staatsanwaltschaft auf die Verfolgung von Wirtschaftsstraftaten spezialisiert. Wo finden wir die relevanten Daten dazu und lassen sich daraus Erkenntnisse zur Entwicklung der Wirtschaftskriminalität ableiten?

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es gibt keine umfassende Statistik und auch keine Studie, die die Entwicklung der Wirtschaftskriminalität in der Schweiz aufzeigen und beurteilen. Für die Beurteilung sind amtliche Statistiken und private Studien über Untersuchungen in Unternehmen heranzuziehen. Die amtlichen Statistiken enthalten Angaben zu Wirtschaftsstraftaten, die Schweizer Strafverfolgungsbehörden untersucht und Gerichte beurteilt haben. Die kantonalen Polizeibehörden zeichnen die bei ihnen untersuchten Straftaten detailliert und nach einheitlichen Regeln in der polizeilichen Kriminalstatistik auf. Darüber hinaus enthält die Strafurteilsstatistik des Bundes die Gesamtheit der ins Strafregister eingetragenen Verurteilungen von Erwachsenen aufgrund von Widerhandlungen gegen das Strafgesetzbuch und die Bundesnebengesetze. Private Studien werden regelmässig von grösseren Beratungsunternehmen veröffentlicht, welche sich auf die Untersuchung von Wirtschaftskriminalität in Unternehmen spezialisiert haben. Es handelt sich in der Regel um Umfragen bei den Kunden, welche ihre persönliche Erfahrung und Wahrnehmungen wiedergeben.

Wirtschaftsstraftaten

Welche Aussagen lassen sich aus den oben beschriebenen, amtlichen Statistiken zur Wirtschaftskriminalität machen? Für unsere Analyse haben wir die klassischen Wirtschaftsstraftaten Betrug (Art. 146 StGB), Veruntreuung (Art. 138 StGB) und ungetreue Geschäftsbesorgung (Art. 158 StGB) ausgewählt und die relevanten Daten zusammengetragen und ausgewertet. Es gilt zu berücksichtigen, dass sich aufgrund der Statistik nicht beurteilen lässt, ob es sich dabei ausschliesslich um Delikte handelt, die dem Kriminalphänomen «Wirtschaftskriminalität» zuzuordnen sind. Trotz diesen Einschränkungen lassen sich Aussagen zur Entwicklung machen.

Wir konzentrieren unsere Analyse auf die Jahre 2009 bis und mit 2018. Daraus lässt sich ein klarer Trend zur stetigen Zunahme der polizeilich registrierten Wirtschaftsstraftaten erkennen. Die Gründe dafür können vielfältig sein: Zunahme in der Anzeigebereitschaft, Sensibilisierung für Governance, Risk und Compliance sowie für Wirtschaftskriminalität, Zugang zu umfassenden Informationen von Unternehmen und Daten und viele mehr.

Interessant ist die vergleichsweise konstant tiefe Zahl von Verurteilungen. Das dürfte darauf zurückzuführen sein, dass ein Grossteil der Wirtschaftsstraffälle nie zur Anklage kommt oder dass die Anklage vor Gericht nicht standhält.

Ein Blick auf die ausgewählten Wirtschaftsstraftaten zeigt, dass sich diese in der Anzahl der Fälle und deren Entwicklung stark unterscheiden. Das Delikt, welches mit Abstand die höchste Anzahl Fälle aufweist, ist der Betrug. Im Gegensatz dazu enthält die Statistik der ungetreuen Geschäftsbesorgung deutlich weniger Fälle. Das überrascht insofern wenig, als die ungetreue Geschäftsbesorgung lediglich bei einem eingeschränkten Kreis von Tätern in Frage kommt.

Weiter fällt auf, dass die Statistiken in einzelnen Jahren Ausreisser aufweisen. Nach der polizeilichen Kriminalstatistik hatte der Kanton Aargau im Jahr 2013 eine markant höhere Zahl von Veruntreuungen bearbeitet.
Beim Betrug stechen die Jahre 2016 und 2018 heraus. Die Fallzunahmen stammen aus den Kantonen Aargau, Zürich, Basel-Stadt, St. Gallen, Waadt und Genf.
Ganz interessant ist schliesslich auch der plötzliche extreme Anstieg der Fälle bei der ungetreuen Geschäftsbesorgung im Jahr 2012. Es handelte sich dabei um ein Verfahren im Kanton Solothurn. Die Hintergründe dieser Anstiege wären in vertieften Abklärungen zu prüfen.

Wirtschaftsstraffälle verursachen erfahrungsgemäss einen hohen Schaden. Die amtlichen Statistiken liefern hierzu keine Daten. Hinweise dazu finden wir in öffentlich publizierten Gerichtsfällen. Der Schaden im Zusammenhang mit erstinstanzlichen Verurteilungen bei einer Mindestdeliktsumme von CHF 50‘000 im Jahr 2018 betrug CHF 166 Millionen (50 Fälle) und im Jahr 2017 CHF 426 Millionen (59 Fälle). Zum Vergleich: Die Strafurteilsstatistik umfasst im Jahr 2018 3’671 Verurteilungen und im Jahr 2017 4’067 Verurteilungen.

Studien

Erfahrungsgemäss gibt es bei der Wirtschaftskriminalität eine grosse Dunkelziffer. Nur ein geringer Teil der Straftaten wird zur Anzeige gebracht. Wie lässt sich dieses Dunkelfeld erhellen?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir direkt bei den Unternehmen nachfragen. In einer globalen Umfrage aus dem Jahr 2018, an welcher unter anderem 101 Schweizer Unternehmen teilnahmen, gaben 39% der befragten Schweizer Unternehmen an, in den letzten 24 Monaten von Wirtschaftskriminalität betroffen gewesen zu sein. Aufgrund der Tatsache, dass 12% der befragten Unternehmen angaben, dies nicht zu wissen, geht man von einer weitaus grösseren Zahl Betroffener aus. Fast jedes zweite Unternehmen war demnach von Wirtschaftskriminalität betroffen. 51% verzeichneten bei sich gemäss eigenen Angaben «Veruntreuung von Vermögenswerten», 10% Beschaffungsbetrug und weitere 10% Steuerbetrug. Der hier verwendete Begriff «Veruntreuung von Vermögenswerten» ist eine wirtschaftskriminalistisch orientierte Klassifizierung und ist nicht gleichzusetzen mit dem Straftatbestand der Veruntreuung.

Weitere interessante und relevante Erkenntnisse liefert der Report to the Nations 2018 der Association of Certified Fraud Examiners. Es handelt sich dabei um die grösste globale Studie für Delikte, die im Zusammenhang mit einem Anstellungsverhältnis stehen (Occupational Fraud). Die Studie basiert auf den Angaben von Betrugsermittlern (Certified Fraud Examiners), welche die gemeldeten Fälle selber untersucht und für Studienzwecke zur Verfügung gestellt haben. In der Studie 2018 wurden für die Region Westeuropa 130 Fälle ausgewertet, 11 davon entfielen auf die Schweiz. Interessant dabei war, dass 82 % der auf Westeuropa entfallenden Fälle die «Veruntreuung von Vermögenswerten» (Asset Missappropriation) betrafen. Der darauf entfallende durchschnittliche Schaden wurde mit USD 180’000 beziffert.

Fazit

Gesamthaft betrachtet fällt auf, dass die Zahl der Verurteilungen trotz des Anstiegs der polizeilich registrierten Wirtschaftsstraftaten in den letzten 10 Jahren konstant geblieben ist und dies, obwohl zumindest im Jahr 2018 fast jedes zweite Unternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen gewesen sein dürfte. Die Gründe dafür können vielschichtig sein und müssten im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie ausgearbeitet werden. Aufgrund der hohen Deliktsummen, die bei Fällen von Wirtschaftskriminalität systeminhärent sind, ist hingegen von Seiten der Unternehmen sorgfältig zu prüfen, ob und welche präventiven Massnahmen in die Unternehmensabläufe integriert werden können. Bekanntlich ist Vorbeugen besser als Heilen.


Über die Autoren

Rechtsanwältin Dr. Claudia V. Brunner ist Studienleiterin und Dozentin von mehreren Weiterbildungslehrgängen am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (MAS/DAS Economic Crime Investigation, CAS Financial Investigation, CAS Governance, Risk and Compliance) und Partnerin bei Jositsch Brunner Rechtsanwälte. Sie verfügt über weitreichende Erfahrungen im Bereich Wirtschaftskriminalität, Compliance sowie Wirtschaftsstrafrecht. Zudem amtet sie bei der BrunnerInvest AG als Compliance Officer und hat beim Zürcher Unternehmen ausserdem ein Mandat als Vizepräsidentin des Verwaltungsrats.

Susanne Grau ist Studienleiterin und Dozentin der Weiterbildungslehrgänge MAS/DAS Economic Crime Investigation und CAS Financial Investigation am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) sowie Vorstandsmitglied und Training Director des ACFE Switzerland Chapters und Authorized Trainer für den CFE Exam Review Course. Zudem ist sie Inhaberin und Geschäftsführerin der SUSANNEGRAU Consulting GmbH und unterstützt und berät Unternehmen und Organisationen in sämtlichen Belangen rund um das Thema Wirtschaftskriminalität.

 

Sascha Brun absolviert den Master of Science in Banking and Finance an der Hochschule Luzern und arbeitet als Masterassistent am Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ). Dabei unterstützt er die Studienleitung der Weiterbildungslehrgänge MAS/DAS Economic Crime Investigation und CAS Financial Investigation und arbeitet für die Geschäftsstelle des Vereins swissVR.

 


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