Proliferation und Wirtschaftsspionage im Visier

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Von Markus Kellenberger

Die Schweizer Volkswirtschaft ist bekannt für ihr Know-how, die Qualität ihrer Produkte und ihre Innovationskraft. Für viele ausländische Nachrichtendienste sind Schweizer Unternehmen deshalb ein interessantes Ziel – sei dies zur Beschaffung von Technologien oder zur Gewinnung von Geschäftsgeheimnissen. Diese Bedrohung zu ignorieren, kann für ein Unternehmen oder eine Institution schwerwiegende Konsequenzen haben.

Der Firmenplatz Schweiz und somit auch die Volkswirtschaft unseres Landes sind weltweit bekannt und geschätzt für ihr grosses Know-how, die Qualität ihrer Produkte – nicht selten international eingesetzte Nischenprodukte – und ihre Innovationskraft. So gross der Vorteil ist, den diese Merkmale mit sich bringen, so gross sind ihre Tücken. Schweizer Unternehmen stellen insbesondere für ausländische Nachrichtendienste interessante Ziele dar. Die Intension solcher Akteure kann es beispielsweise sein, durch diverse Verschleierungsmethoden Technologien für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu beschaffen (Proliferation) oder an Geschäftsgeheimnisse zu gelangen, um sich einen wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen (Wirtschaftsspionage).

Wissenschaft und Wirtschaft sind jedoch oft nicht in der Lage, die Absichten ihrer Partner zu erkennen. Und so ist es möglich, dass ein Unternehmen oder ein Forschungsinstitut unwissentlich eine strafbare Handlung begeht, indem es beispielsweise kritische Güter oder Technologien weitergibt, die in einem anderen Land für ein Massenvernichtungswaffenprogramm eingesetzt werden.

Im Folgenden werden die Hintergründe von Proliferation und Wirtschaftsspionage aufgezeigt. Dabei wird klar, dass die beiden Themen eng miteinander verknüpft sind.

Proliferation

Proliferation ist die Weiterverbreitung zum einen von Massenvernichtungswaffen und deren Trägersystemen (ballistische Lenkwaffen, Marschflugkörper und Drohnen), zum anderen von Ausrüstungsgütern, Materialien und Technologien, die ziviler Nutzung dienen, aber auch zur Herstellung dieser Waffen verwendet werden können (Dual-use-Güter). Insbesondere sogenannte Risikostaaten wie Nordkorea, Iran, Syrien oder Pakistan sind auf solche Güter oder das für deren Entwicklung benötigte Know-how angewiesen, um ihre Massenvernichtungswaffenprogramme voranzutreiben.

Proliferationsaktivitäten können dabei nicht nur gegen nationales Recht oder völkerrechtliche Verpflichtungen verstossen, sondern auch die aussen- und handelspolitischen Beziehungen sowie die Glaubwürdigkeit der Schweiz beeinträchtigen. Firmen, Hochschulen oder Forschungsinstitute, die – auch unwissentlich – in Proliferationsaktivitäten involviert werden, verlieren ihren guten Ruf, können schwere finanzielle Einbussen erleiden oder Ziel von Retorsionsmassnahmen werden. Um an kritische Güter zu gelangen, umgehen ausländische Akteure internationale Kontrollmechanismen. So verschleiern sie beispielsweise den Verwendungszweck eines Produkts oder gründen Tarnfirmen. Die Beschaffungsversuche beschränken sich jedoch nicht nur auf Güter, sondern auch auf das entsprechende Wissen. Dem Risiko des immateriellen Technologietransfers (Intangible Transfer of Technology, ITT) sind vor allem Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsinstitute ausgesetzt. Diese Art von Technologietransfer kann sowohl im Rahmen von Konferenzen, akademischen Austauschprogrammen, gemeinsamen Forschungs- und Entwicklungsprojekten als auch durch Weitergabe technischer Informationen (über E-Mails, Webseiten oder Cloud) geschehen. Der ITT hat mit der Digitalisierung und Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie deutlich zugenommen und stellt für die Exportkontrolle eine besondere Herausforderung dar, weil dieser – im Gegensatz zum Güterexport – an den nationalen Grenzen nicht physisch kontrollierbar ist.

Wirtschaftsspionage

Bei der Wirtschaftsspionage wird ein Fabrikations- oder Geschäftsgeheimnis aufgeklärt und anschliessend einer fremden amtlichen Stelle, ausländischen Organisation oder ihren Agenten zugänglich gemacht. Ausländische Nachrichtendienste arbeiten im Verborgenen und bedienen sich dabei verschiedener Spionagemethoden:

  • Open Source Intelligence (OSINT)
    Abschöpfung öffentlich zugänglicher Quellen (Firmenwebseiten, Produktebroschüren, soziale Netzwerke)
  • Human Intelligence (HUMINT)
    Anwerben und Abschöpfen von Informanten
  • Communications Intelligence (COMINT, Fernmeldeaufklärung)
    Einsatz hochentwickelter elektronischer Mittel zum Abhören, Mitlesen und Auswerten elektronischer Übermittlungen
  • Cybermethoden
    Einsatz von Social Engineering, Spear-Phishing, Smartphone, USB-Stick

Bei der Beschaffung vertraulicher Daten und Informationen gehen Nachrichtendienste jeweils systematisch vor:

  • Targeting
    Suche nach der geeigneten Zielperson und Abklärung von Angriffsflächen
  • Anbahnung
    Kontaktaufnahme zur Zielperson
  • Kultivierung
    Aufbau eines Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnisses
  • Abschöpfung
    Durch Gesprächsabschöpfung oder Cybermethoden
  • Rekrutierungsversuch

Der Sensibilisierungsfilm über Wirtschaftsspionage „Im Visier“ veranschaulicht anhand eines praktischen Beispiels die Methoden zur Beschaffung von vertraulichen Informationen und Geschäftsgeheimnissen von Unternehmen.

Prävention und Sensibilisierung

Eines der wichtigsten Mittel im Kampf gegen Spionage- und Proliferationsaktivitäten sind Prävention und Ausbildung. Es ist wichtig, dass sich schweizerische Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Bundesbehörden über die von Spionage und Proliferation ausgehenden Bedrohungen informieren und das Bewusstsein für die Bedrohung stärken. Hierbei können sie sich vom Nachrichtendienst des Bundes (NDB) unterstützen lassen. Das Programm Prophylax liefert Informationen über Wirtschaftsspionage und Proliferation sowie Ratschläge für die Benutzung elektronischer Geräte auf Auslandreisen. Mit Prophylax erfüllt der NDB den gesetzlichen Auftrag, Programme zur Information und Sensibilisierung betreffend Bedrohungen der inneren und äusseren Sicherheit durchzuführen.

Bei Verdacht auf Spionage oder Proliferationsaktivitäten stehen den betroffenen Unternehmen und Organisationen die Kantonspolizei und der NDB zur Seite. Mögliche Beweise sollten gesichert und E-Mails mit verdächtigen Inhalten nicht gelöscht werden. Der NDB sammelt und wertet die Hinweise aus und garantiert eine diskrete Bearbeitung.


Über den Autor

Markus Kellenberger ist Steuerungsverantwortlicher Spionageabwehr beim Nachrichtendienst und Hauptverantwortlicher des Sensibilisierungsprogramms Prophylax.


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