«Funktionsweise, Technologie und Ermittlung von Kryptowährungen: Ein Leitfaden für Schweizer Strafverfolgungsbehörden»

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Von Taria Bretscher

Kryptowährungen sind auch in der Schweiz zum Alltag geworden. Die Fälle, in welche Bitcoin und Co. involviert sind, häufen sich und stellen die Schweizer Strafverfolgungsbehörden vor neue Herausforderungen. Nun soll ein Leitfaden die nötigen Grundlagen vermitteln und erläutert, wie Kryptowährungen funktionieren, erfolgreich ermittelt und sichergestellt werden können.

Kryptowährungen gewinnen immer mehr an Attraktivität. Dies motiviert Unternehmungen weitere Kryptowährungen zu schaffen, welche entweder auf neuen oder bestehenden Open-Source-Blockchaintechnologien aufbauen oder durch individuelle Änderungen am Code angepasst werden. Diese unterschiedlichen Technologien je Währung entwickeln sich rasant weiter und vor allem der Privatsphäre wird vermehrt ein höherer Stellenwert gegeben. Der erhöhte Schutz der Privatsphäre und die erhöhte Anonymität sowie die Nachfrage nach Transparenz fördern das Vertrauen der Nutzer in die Technologie. Neben der Nachvollziehbarkeit und Unveränderbarkeit der Daten ist ein weiterer Vorteil deren Möglichkeit, Transaktionen nahezu anonym zu tätigen. Dieser massgebende Pluspunkt für den Nutzer stellt die Strafverfolgungsbehörden im Gegenzug vor grosse Herausforderungen.

Kryptowährungen erfolgreich ermitteln

Die Fähigkeit, Adressen, Schlüssel und Walletsoftware zeitnah erkennen und öffnen zu können, ist für die erfolgreiche Ermittlung von Krypto-Assets eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen. Die Identifikation von unterschiedlichen alphanummerischen Adressen oder Passphrases als mögliche Krypto-Adressen (siehe Infobox) stellt heute bei den Schweizer Strafverfolgungsbehörden noch Schwierigkeiten dar oder lösen Unsicherheiten aus. Auch müssen die Teams wissen, wie gefundene Krypto-Assets rasch sichergestellt werden können. Akteure der Strafverfolgungsbehörden sollten deshalb über ein solides Basiswissen verfügen. Die Sensibilisierung und regelmässige Schulung der Mitarbeitenden ist für die rechtzeitige Sicherstellung von Kryptowährungen essenziell. Vermögenswerte können durch Verdächtige oder Drittpersonen innert Minuten an unbekannte Adressen wegtransferieren werden und wären für die Ermittler, zumindest vorübergehend, verloren.

Basierend auf den Bedürfnissen von Polizeiangehörigen, Staatsanwälten und Informatikspezialisten erstellte ich deshalb im Rahmen meiner Masterarbeit einen Leitfaden für Schweizer Strafverfolgungsbehörden. Der Leitfaden ist in drei thematische Kategorien (Einführung in Kryptowährungen, Regulation und rechtliche Grundlagen sowie die Ermittlung und Sicherstellung von Coins) gegliedert, wobei jeweils die Theorie und dann die praktische Umsetzung mit Beispielen oder Toolempfehlungen erläutert wird. Ziel des Leitfadens ist es, Polizeiangehörigen an der Front, IT-Forensikern und Staatsanwälten, relevante Grundlagen und Handlungsempfehlungen zu vermitteln.

Kryptowährungen ermitteln, sicherstellen und beschlagnahmen

Die im Leitfaden ausgewiesene Übersicht unterstützt die Front, unterschiedliche Wallet-Arten und Adresskombinationen sowie weitere Erkennungsmerkmale identifizieren zu können. Zudem werden die verschiedenen technischen Besonderheiten einzelner Kryptowährungen erläutert. So bieten beispielsweise DASH und Monero einen hohen Schutz an Privatsphäre durch das Mixen von verschiedenen Transaktionen mit anderen Teilnehmenden oder Ringsignaturen. Verge bietet als erster Anbieter ein sogenanntes TOR Wallet für Android an, welches die anonyme mobile Bezahlung ermöglicht und dadurch speziell als Zahlungsmittel im Darknet geeignet ist.

Die erarbeitete Anleitung erklärt, wie Coins auf Live-Systemen gefunden und auf ein sicheres Wallet transferiert werden können. Auch das Wiederherstellen von Schlüsseln und wie Hardwallets neu aufgesetzt werden können, wird aufgezeigt. Dies ist für Ermittler vor allem relevant, um an inkriminierte Vermögenswerte zu gelangen. Der Fokus liegt auf den Währungen Bitcoin und Ethereum, wobei zum heutigen Zeitpunkt die meisten im Leitfaden beschriebenen Vorgehensweisen für einen Grossteil der im Markt angebotenen Kryptowährungen angewendet werden können.

Regulation von virtuellen Währungen in der Schweiz

Obwohl Kryptowährungen in der Schweiz als Zahlungsmittel akzeptiert und vom Bundesrat als Vermögenswert definiert sind, handelt es sich nicht um staatliche Währungen. Dies führt dazu, dass in der Schweiz kein besonderer rechtlicher Schutz für virtuelle Währungen vorhanden ist. In der Arbeit wird daher auch die bestehende Gesetzgebung im Bereich des Strafrechts genauer betrachtet. Insbesondere prüfte ich die Anwendbarkeit bei Tatbeständen, welche das Vermögen schützen (Art. 137 ff. StGB). Auch Straftatbestände wie Datendelikte der unbefugten Datenbeschaffung (Art. 143 StGB), der Datenbeschädigung (Art. 144bis StGB) oder der betrügerische Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage (Art. 147 StGB) bieten sich zum Schutz an, da es sich bei Kryptowährungen um geldwerte Daten mit kryptografischer Verschlüsselung handelt.

Ein sofortiger Wechsel von sichergestellten Krypto-Assets in CHF oder in eine andere Fiat-Währung, scheint am sinnvollsten zu sein und die Verwertung resp. Aufbewahrung sollte der Staatsanwaltschaft obliegen. Wenn es um die Sicherstellung, Aufbewahrung und Verwertung von den sehr volatilen Coins geht, erscheint die Gesetzgebung jedoch noch sehr ungenau und die Handhabung in der Praxis ist je Fall und Behörde individuell gestaltet. Art. 266 Abs. 2 StPO bezieht sich beispielsweise auf die sachgemässe Aufbewahrung von beschlagnahmten Gegenständen und Vermögenswerte durch die Strafverfolgungsbehörden. Eine schweizweite Vorgabe, wie die stark volatilen Krypto-Assets sachgemäss aufbewahrt oder verwertet werden sollen, gibt es nicht. Auch ist nicht klar geregelt, wer die Verantwortung für allfällige Wertveränderungen tragen muss oder ob mit beschlagnahmten Krypto-Assets Profit generiert werden darf.

Was die Zukunft im Bereich Blockchain und Kryptowährungen bringt, wird sich erst noch zeigen. Jedoch werden Kryptowährungen kaum vom Markt verschwinden. Viel mehr wird sich die zugrundeliegende Technik rasant weiterentwickeln, dem Nutzer neue Möglichkeiten bieten, dem Kriminellen neues Verschleierungspotential geben und Ermittler vor neue Herausforderungen stellen. Umso wichtiger ist es, dass die Strafverfolgungsbehörden ihr Knowhow stetig weiterentwickeln und mit der Technik und deren Möglichkeiten vertraut sind. Die Sensibilisierung ist von grösster Wichtigkeit, damit die Ermittlung von Kryptowährungen in Zukunft eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Infobox
Alphanumerische Adresse Adressen, bestehend aus aneinandergereihten Zahlen und Buchstaben. Beispiel einer öffentlichen Bitcoin-Adresse, bestehend aus 34-Charakteren im Base58 Format: 18votLPLuLFVR5ZkwWnrveF2SvQEjWEXCa
Assets, Krypto-Assets Virtuelle Vermögenswerte
Coins Virtuelle «Münzen»; Adressen auf der Blockchain welche einen bestimmten Wert repräsentieren
Darknet Verschlüsselter Bereich des Internets
Fiat-Währung Traditionelle Währungen wie CHF oder EUR
Open-Source Der Quellcode ist öffentlich zugänglich
Passphrase Passphrases dienen als PIN zum Schutz des Wallets. Diese bestehen aus einem Wort
Volatil Hier sind schwankende Kurse gemeint, die den Vermögenswert in kurzer Zeit stark steigern oder verringern können
Wallet, Krypto-Wallet «Geldbörse»; eigentliche Verwaltung der öffentlichen und privaten Schlüssel resp. Adressen, welche zu einer bestimmten Menge Coins gespeichert werden

 

 

 


Über die Autorin

Taria Bretscher arbeitet seit August 2013 beim Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT). Seit 2016 ist sie die Compliance Managerin des Amtes und im Bereich Informatik-Sicherheit tätig. Zuvor arbeitete Sie im Bankensektor und in der Pharma-Branche. Sie hat den Bachelor in Betriebsökonomie und den Master in Economic Crime Investigation.

 


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