Die digitale Spur zu Versicherungsbetrügern

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Von Raphael Vogel

Die Digitalisierung wird erheblich zur Bekämpfung von Versicherungsbetrug beitragen. Es wird spannend zu sehen, wohin uns die Reise führt.

Das Haus des Amerikaners Ross Compton im Bundesstaat Ohio brannte fast vollständig nieder. Er habe sich nur knapp aus dem Feuer retten können, sagte er der Polizei. Von seiner Versicherung forderte er danach 400’000 US Dollar, berichtete die Washington Post. Doch schnell kamen Zweifel über die Ursache der Entstehung des Feuers auf. Die Polizei fand im abgebrannten Haus Spuren eines Brandbeschleunigers.

Da kamen die Ermittler auf die Idee, die Daten von Comptons Herzschrittmacher zu untersuchen – und sie wurden fündig. Zum Zeitpunkt des Brandes konnte der Kardiologe keine erhöhte Herzfrequenz feststellen. Compton rannte also nicht um sein Leben, wie er behauptet hatte, sondern war total ruhig. Jetzt steht er wegen Brandstiftung und Versicherungsbetrug vor Gericht.

Die Geschichte von Comptons Versicherungsbetrug ging im Februar 2017 um die Welt. Zeit, sich ein paar Gedanken zu machen: Wo stehen wir im Jahr 2019 bei der Bekämpfung von Versicherungsbetrug und wohin könnte die Reise führen?

Kein Kavaliersdelikt

Ich glaube, wir sind uns einig, dass Versicherungsbetrug längst kein Kavaliersdelikt mehr ist. Ebenso, dass die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung eine aktive Bekämpfung von Betrug jeglicher Art befürwortet. Denn am Ende des Tages sind es die ehrlichen Prämienzahler, die für jeden Franken, der missbräuchlich eingefordert wird, gerade stehen müssen.

Es ist ein Fakt, dass keine verlässlichen Statistiken zum Thema Versicherungsbetrug bestehen. Im Jahr 2017 hat der Schweizerische Versicherungsverband ein Marktforschungsinstitut mit einer Studie beauftragt. Gemäss dieser werden vor allem bei Motorfahrzeug-, Hausrat-, Wertsachen- und Reiseversicherungen unrechtmässig Leistungen eingefordert. Reiseversicherungen stehen dabei an oberster Stelle. Geht man davon aus, dass zehn Prozent der  Leistungen missbräuchlich eingefordert werden, würde dies, ohne Einbindung der Lebensversicherungen, einer jährlichen Summe von 4.6 Milliarden Franken entsprechen.

Die Digitalisierung erleichtert es bereits heute sehr, einen Versicherungsbetrug zu erkennen. Während Sachbearbeiter früher einzelne Fälle bei Verdacht durchkämmen mussten, hilft die Software heute, verdächtige Muster zu erkennen. Die Grundlage beruht auf Regelwerken, die für jede Branche gesondert und aufgrund von Erfahrungswerten der letzten Jahre aufgebaut wurden. Bei Verdachtsmomenten schlägt das System Alarm. Anschliessend prüft der Betrugsermittler die Fälle manuell. Ein grosser Vorteil des Screenings mittels eines vorhandenen Regelwerks ist, dass dieses jederzeit mit weiteren Regeln ergänzt werden kann. Dies vereinfacht die Feinjustierung und so auch die Aussteuerung der Fälle.

Herausforderungen und Chancen

Ein Schwachpunkt bei diesem Vorgehen ist, dass nur bereits bekannte Betrugsmuster erkannt werden. Und genau das wird die Herausforderung der Zukunft sein: Noch nicht bekannte Muster zu identifizieren und zu bewerten. Es muss eine ganzheitliche vernetzte Betrachtung über alle Versicherungsbranchen möglich sein. Nur so ist gewährleistet, dass auch eine fallübergreifende Betrachtung der Schadensfälle möglich ist. Beispielsweise indem mittels Netzwerkanalyse gegen bandenmässigen Versicherungsbetrug vorgegangen werden kann. Ein Beispiel: Bei einer ganzheitlichen Betrachtung fällt auf, dass eine bei einem Autounfall geschädigte Person bei einem anderen Autounfall ein paar Monate früher der Unfallverursacher war und in einem weiteren Unfall Beifahrer. Anhand dieser Informationen wird es möglich, Tätergruppierungen zu eruieren.

Die Betrugserkennung der Zukunft wird sogar noch einen Schritt weiter gehen. Technische Möglichkeiten wie Sprachanalyse und Bildforensik werden die bisherigen Methoden ergänzen. Durch Sprachanalyse wird es möglich sein, den Wahrheitsgehalt menschlicher Aussagen zu prüfen, und die digitale Bildforensik wird dazu beitragen, die Echtheit der Bilder sowie den Bezug zu einem Schadensereignis zu prüfen.

Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen heissen die Zauberworte. Anstatt den Computer mit Anweisungen zu füttern, werden heute historischen Daten analysiert. Durch Lernalgorithmen werden statische Regelmässigkeiten extrahiert. So ist es möglich, dass auch bislang unbekannte Daten beurteilt werden. Klingt doch ganz wunderbar, oder?!

Eines ist klar, künstliche Intelligenz wird auch in Zukunft keineswegs das menschliche Denken ersetzen, vielmehr gilt es das Ganze zu orchestrieren. Die Detailprüfung eines betrugsverdächtigen Falls wird meiner Meinung nach nie eine Maschine machen können. Dazu wird auch in Zukunft ein erfahrener Spezialist nötig sein.

Die fortschreitende Digitalisierung wird also dazu beitragen, die Aufdeckungsquote von potentiellen Betrugsfällen zu verbessern. Ein damit verbundenes Ziel muss sein, eine schnellere und kundenfreundlichere Schadenregulierung anzustreben. In der Quintessenz werden die Schadenskosten nachhaltig gesenkt und das Versicherungskollektiv vor unrechtmässigen Forderungen bewahrt.


Über den Autor

Raphael Vogel ist seit November 2018 Leiter Fachstelle GwG / Interne Ermittlungen bei der Basler Versicherungen AG. Davor war er acht Jahre in der Fachstelle Bekämpfung Versicherungsmissbrauch tätig, vier Jahre davon als deren Leiter.

Raphael Vogel hat die Polizeischule absolviert und war von 2005 bis 2010 bei der Kriminalpolizei tätig. Er hat zudem den MAS in Economic Crime Investigation abgeschlossen und ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Expertenvereinigung Bekämpfung Wirtschaftskriminalität SEBWK.


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