Sind Initial Coin Offerings (ICOs) ein gutes Investment?

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Dieser Beitrag entstand während des Weiterbildungslehrgangs MAS Economic Crime Investigation und wurde von der Studienleitung als überdurchschnittlich bewertet.

Von Petra Hofstetter

Kryptowährungen und damit verbundene ICOs erleben seit knapp zwei Jahren einen regelrechten Boom und sind als Anlageklasse in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gelangt. Doch nicht alle Anbieter sind seriös und die Risiken eines solchen Investments werden vielfach unterschätzt oder schlichtweg ignoriert.

Es gibt wohl keine andere Anlageklasse, die derzeit so stark im Fokus der Öffentlichkeit steht wie die Kryptowährungen. Getrieben durch die dramatische Kursentwicklung von Bitcoin & Co. und dem schier unendlich scheinenden Potential der Blockchain-Technologie und dessen Anwendungen interessiert sich mittlerweile auch die breite Öffentlichkeit für Kryptowährungen. Täglich werden durch ICOs neue Kryptowährungen, resp. Tokens, geschaffen, die Zugang zu einer neuen Blockchain-Anwendung ermöglichen oder als Zahlungsmittel eingesetzt werden können. Anleger wittern die Chance auf kurzfristige Gewinne und unterschätzen dabei vielfach das Risiko eines solchen Investments. Gleichzeitig tummeln sich viele schwarze Schafe und Betrüger im Markt, die es nur auf das Geld der Anleger abgesehen haben.

Der Boom von ICOs lässt sich durch folgende Zahlen, erhoben durch das ICO Portal Coinschedule, eindrücklich verdeutlichen: Im Jahr 2016 fanden 43 ICOs mit einem Gesamtvolumen von 95 Millionen US Dollars statt. Im Folgejahr 2017 waren es bereits 210 ICOs mit einem Gesamtvolumen von knapp 3.8 Milliarden US Dollars, im Jahr 2018 beläuft sich die Anzahl ICOs bisher auf 983 mit einem Gesamtvolumen von etwas mehr als 20.3 Milliarden US Dollars, wovon die Technologiefirma Block.One mehr als 4 Milliarden US-Dollar durch den Verkauf ihrer EOS-Tokens erworben hat und damit den zuvor grössten ICO von Telegram in den Schatten stellte. Telegram hat 1.7 Milliarden US Dollar erworben, womit der Cloud-basierte Instant Messaging Dienst eine eigene Blockchain-Plattform entwickeln will.

Doch was ist eigentlich ein ICO und wie funktioniert es?

Ein ICO kann als eine Methode zur Unternehmensfinanzierung bezeichnet werden. Der ICO Anbieter beschafft sich Mittel von Anlegern zur Finanzierung einer neuen Anwendung auf einer bestehenden Blockchain oder zur Entwicklung einer neuen Blockchain. Im Gegenzug erhält der Anleger Tokens des Projekts im Umfang seines Investments. Die Tokens können dabei unterschiedliche Verwendungszwecke haben: Zahlungs-Token werden als Zahlungsmittel für den Erwerb von Waren oder Dienstleistungen akzeptiert oder dienen der Geld- oder Wertübertagung. Nutzungs-Token ermöglichen den Zugang zu einer digitalen Nutzung oder Dienstleistung, welche auf oder unter Benutzung der Blockchain-Infrastruktur erbracht wird. Anlage-Token repräsentieren Vermögenswerte, indem beispielsweise Anteile an zukünftigen Unternehmenserträgen oder zukünftigen Kapitalflüssen versprochen werden. Unter die Kategorie können auch Tokens fallen, die physische Wertgegenstände auf der Blockchain handelbar machen.

Vom Ablauf her folgen die meisten ICOs heute einem ähnlichen Muster: In einem ersten Schritt publiziert der ICO Anbieter ein Whitepaper, welches das Projekt sowie die Finanzierung via ICO beschreibt und Angaben zum Verwendungszweck der auszugebenden Tokens beinhaltet. Gleichzeitig werden auf Open Source-Plattformen wie Github die Software sowie die technischen Spezifikationen veröffentlicht. In einem nächsten Schritt wird ein Smart Contract erstellt, meistens auf Basis der Ethereum Blockchain. Dieser dient später der Generierung und Verteilung der neu geschaffenen Tokens an die Anleger. Im Anschluss werden während einer bestimmten Zeitdauer Einzahlungen via Smart Contract, meistens in Form der Kryptowährungen Ether oder Bitcoin, entgegengenommen. Der Smart Contract generiert dann die neuen Tokens und macht sie den Anlegern zugänglich. Die Anleger können die Tokens in einer digitalen Geldbörse (einem sog. „Wallet“) aufbewahren und/oder an einer Kryptobörse in eine andere Kryptowährung umtauschen. Je nach Verwendungszweck der Tokens, wenn sie beispielsweise als Nutzungs-Token ausgestaltet sind, kann der Anleger seine Tokens nach erfolgreicher Umsetzung des finanzierten Projekts auch zum Bezug der neu geschaffenen Anwendung, z.B. einer digitalen Dienstleistung auf der Blockchain, nutzen.

Welche Risiken ergeben sich für Anleger bei einer Teilnahme an einem ICO?

Durch ICOs werden Projekte finanziert, die sich in einem sehr frühen, meist experimentellen Stadium der Entwicklung befinden. Typischerweise besteht erst eine Idee zu einer neuen Blockchain-Anwendung, ohne dass eine Dienstleistung oder ein Produkt bereits verfügbar sind. Der Anleger investiert somit lediglich in das Versprechen eines zukünftigen Erfolgs. Gleichzeitig sind die Projekte so komplex, dass ein tiefes technisches Verständnis notwendig ist, um sie umfassend beurteilen zu können. Über ein solches Verständnis werden wohl die wenigsten privaten Anleger verfügen. Somit sind Investments in ICOs als hoch spekulativ zu betrachten, da der Anleger den Totalverlust seines Investments riskiert. Das Finanzportal MarketWatch berichtet denn auch, dass 46% aller im Jahr 2017 lancierten ICOs fehlgeschlagen sind, entweder bereits während der Finanzierungsphase oder sie haben nach erfolgreicher Lancierung den Betrieb eingestellt. Den Anlegern soll so ein Schaden von rund 100 Millionen US Dollars entstanden sein.

Ein weiteres wesentliches Risiko stellen betrügerische ICOs dar. Hierzu zählen Anbieter, die Mittel für Projekte einsammeln, die es gar nicht gibt und sich dann damit aus dem Staub machen. So zog beispielsweise die FINMA im September 2017 die Anbieter von E-Coin aus dem Verkehr, einer selbst kreierten Scheinkryptowährung, die auf der Blockchain basieren solle. Hunderte von Kleinanlegern hatten mindestens 4 Millionen Franken investiert, wie viel davon noch übrig ist, bleibt unklar. Weiter zählen zu dieser Kategorie Trittbrettfahrer, die den Hype um einen besonders erfolgsversprechenden ICO ausnutzen, um die Mittel von interessierten Anlegern zu ergaunern. So geschehen beim eingangs erwähnten ICO von Telegram, der in seiner Pre-Sale Phase nur professionellen Anlegern ab einem Betrag von 500’000 US Dollars offenstand. Nachdem Telegram angekündigt hatte, dass sich zu einem späteren Zeitpunkt auch private Anleger beteiligen können, erschienen mehrere betrügerische Webseiten, die vortäuschen, die offizielle Webseite des Telegram ICOs zu sein. Auf diesen Seiten konnten private Anleger TON-Tokens kaufen, die einbezahlten Mittel landeten direkt bei den Betrügern.

Vom derzeitigen Boom der ICOs profitieren auch Hacker und greifen Anleger und ICO Anbieter gleichermassen an. So werden beispielsweise Anleger mittels Phishing (über manipulierte E-Mails oder Webseiten vermeintlicher ICO Anbieter) zur Bekanntgabe von persönlichen Daten und Passwörtern (u.a. Private Keys für Wallets) verleitet. Die Angaben werden anschliessend von den Betrügern benutzt, um das Wallet des Anlegers leerzuräumen. ICO Anbieter werden angegriffen, indem deren Webseite gehackt wird, um falsche Zahlungsinformationen für Anleger zu publizieren. Die einbezahlten Mittel landen so direkt bei den Betrügern und nicht beim ICO Anbieter. Eine weitere Variante ist ein Angriff auf den Smart Contract, auf welchem die einbezahlten Mittel während der Dauer des ICOs bis zur Ausgabe der Tokens an die Anleger hinterlegt sind. Ursache hierfür sind oftmals Programmierfehler im Code des Smart Contracts, die von den Hackern ausgenutzt werden. Das wohl prominenteste Beispiel hierfür war der Angriff auf den ICO von DAO im April 2016, mit welchem Betrüger Ether im damaligen Wert von 55 Millionen US Dollars entwendeten. Gemäss einer Studie von Ernst & Young wurden in den letzten beiden Jahren 400 Millionen US Dollars von ICOs durch Hacker gestohlen.

Abschliessend soll hier noch das Risiko der hohen Preisvolatilität festgehalten werden, welches insbesondere für Anleger, die auf schnelle Gewinne spekulieren, relevant sein dürfte. Der vom ICO Anbieter festgesetzte Preis für ein Token ist für den Anleger kaum nachvollziehbar, da er nicht auf einer fundamentalen Bewertung basiert, sondern massgeblich vom Hype um den entsprechenden ICO beeinflusst wird. Dies kann im anschliessenden Handel an einer Kryptobörse zu einer enorm hohen Preisvolatilität des Tokens führen. Tokens sind denn auch besonders anfällig für sog. „Pump & Dump“-Angriffe. Hierbei kauft eine Gruppe von Betrügern in einer abgesprochenen Aktion den entsprechenden Token und verbreitet im Anschluss positive News über den ICO, um weitere Anleger zum Kauf zu animieren. Sobald die zusätzlichen Käufe zu einem signifikanten Preisanstieg führen, beginnen die Betrüger, ihre Tokens zu verkaufen und Gewinne zu realisieren. Der Preis zerfällt und die übrigen Anleger bleiben auf ihren Verlusten sitzen.

Sind ICOs denn nun ein gutes Investment?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Es ist zu unterscheiden zwischen privaten (Klein)-Anlegern und professionellen Anlegern, die sehr erfahren und risikofähig sind und über genügend Fachwissen verfügen, um das Potential und die Erfolgsaussichten eines ICOs realistisch einschätzen zu können. Möglicherweise kann sich für solche Anleger ein Investment in einen bestimmteen, besonders erfolgsversprechenden ICO lohnen, insbesondere wenn mit dem Token längerfristige Rechte wie eine Beteiligung an zukünftigen Unternehmenserträgen verknüpft sind.

Allen übrigen Anlegern ist grundsätzlich von einer Teilnahme an einem ICO abzuraten. Es handelt sich um ein hoch spekulatives Investment, vergleichbar mit einem Besuch im Casino. Der Anleger riskiert den Totalverlust seines Investments und ist nicht geschützt, da die meisten ICOs heute nicht reguliert sind. Wer dennoch zocken möchte, dem sei zu empfehlen, nur geringe Beträge einzusetzen, diese auf mehrere ICOs zu verteilen und sich so gut als möglich über den einzelnen ICO zu informieren.


Über die Autorin

Petra Hofstetter, Betriebsökonomin FH, MAS Economic Crime Investigation, ist seit über 15 Jahren in der Finanz- und Beratungsindustrie tätig, zuerst als Internal Auditor und Risk Management Consultant bei KPMG in Zug, Zürich und New York, seither in verschiedenen Funktionen bei UBS in Zürich. Aktuell arbeitet sie als Betrugsspezialistin im Business Risk Management von UBS Schweiz und unterstützt die Fronteinheiten bei der Aufarbeitung und Prävention von internen und externen Vorfällen.


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