Quantified Self – Die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft

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Wie schwer bin ich? Wie viele Schritte habe ich heute schon gemacht? Wie hoch ist mein Ruhepuls? Alle diese Frage können wir heute durch Quanitfied Self in Echtzeit und von überall aus beantworten. Doch wie wirkt sich diese permanente digitale Selbstvermessung auf unsere Gesellschaft aus?

Die Quantified Self Bewegung, auch genannt lifelogging, wurde im Jahre 2007 durch die Journalisten des Wired Magazines Gary Wolf und Kevin Kelly ins Leben gerufen. Nach dem Motto “Self knowledge through numbers” versteht man unter dem Begriff Methoden, welche den Menschen via Smartphone-Apps, Fitnesstracker oder anderen Geräten vermessen [1] .

Eine gesündere Gesellschaft durch mehr Bewusstsein über die eigene Gesundheit

Garry Wolf argumentierte im Jahre 2010 im TED Talk „Unser vermessener Körper“ [2], dass wir durch die Vermessung unseres Körpers einen Spiegel vorgehalten bekommen und sich dadurch unser Ich-Bewusstsein verändert. „Wir sollten Quantified Self systematisch zur Selbstverbesserung, Selbsterkenntnis und Selbstfindung nutzen. Nur so können wir im Leben effektiver agieren und mehr erreichen.“ Klingt vielversprechend, oder? Denn eine Gesellschaft mit Menschen, die sich ihrer Gesundheit bewusst sind, würde sich positiv auf uns alle auswirken. So könnten präventive Massnahmen gezielt eingesetzt und Krankheitskosten gesenkt werden. Doch halten die Messungen auch wirklich was sie versprechen?

Falsche Kenntnisse durch unzureichende Qualität

Der Sportwissenschaftler Ingo Froböse machte in einem Interview mit der Zeit Online [3] folgende Aussage: „Gesundheit mit Algorithmen zu erfassen, ist unmöglich“. Aus diesem Grund reduzieren die Apps und Wearables den Körper auf  messbare „physiologische Funktionen“ wie die Leistung. Andere Faktoren, welche durch Sport positiv beeinflusst werden, wie das Wohlbefinden, die Stimulation der Organe oder die Abwehr gegen Stress, werden dabei ignoriert. Zudem wird den Selbstvermessungstechnologien nachgesagt, dass ihre Datenauswertungen nicht präzise genug sind. Gemäss der TA-SWISS-Studie zum Thema Quantified Self [4] weisen Fitnesstracker eine durchschnittliche Fehlerrate von 10% bis 20% auf und lassen sich oft austricksen.

Fortschritte in der Medizin und Wissenschaft und individuelle Therapien

Dank der gewonnen Daten aus Selbstvermessungstechnologien kann sich die Medizin und Wissenschaft laufend weiterentwickeln. Die Apps und Wearables erfassen eine grosse Menge an Daten aus dem Alltag von Probanden. Dadurch kann die Wissenschaft neue Erkenntnisse gewinnen, vor allem in der Bewegungs-, Ernährungs-, und Schlafforschung, erklärt das Fraunhofer-Institut für System und Innovationsforschung ISI im Bericht „Digitale Selbstvermessung und Quantified Self“ [5]. Das Aufzeichnen von grossen Datenmengen bildet zudem eine zusätzliche Grundlage für Mediziner in der Diagnose von Krankheiten und Individualisierung von Therapien. Das Erfassen, Speichern und Einsetzen von persönlichen Daten zu meiner Gesundheit kann also sehr hilfreich sein. Ist das aber immer so?

Diskriminierung durch gesundheitliche Daten

Der Einsatz von persönlichen Daten kann auch negative Folgen haben. Ursula Meidert, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Ergotherapie der ZHAW, warnt, dass durch den Trend zur Selbstvermessung und der Übergabe von sensitiven Gesundheitsdaten beispielsweise an die Versicherung oder den Arbeitgeber einen Druck in der Gesellschaft entstehen kann. Es werden dadurch gezielt Personen bevorzugt, die laut Daten „gesund leben“. Jedoch ist die Messgenauigkeit und Validität dieser Daten oftmals nicht gegeben. Unter dem Druck leiden besonders die Menschen, welche die „gesundheitlichen Normen“ nicht erfüllen können oder wollen [6]. Lese mehr dazu in unserem Blogeintrag „Wenn Schrittzähler zum Alptraum werden“.

 

Quellen

  1. Wikipedia. (2019, 22. Januar). Quantified Self. Abgerufen 15. April, 2019, von https://de.wikipedia.org/wiki/Quantified_Self
  2. Wolf, G. (2010, 27. September). Gary Wolf: Unser vermessener Körper [Video]. Abgerufen 15. April, 2019, von https://www.ted.com/talks/gary_wolf_the_quantified_self?language=de
  3. Schadwinkel, A. (2015, 20. April). Quantified Self: Die 10.000 Fragezeichen. Abgerufen 15. April, 2019, von https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2015-04/quantified-self-fitness-gesundheit-wissenschaft
  4. TA-SWISS Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung. (2018). Das Mass aller Dinge: Potenziale und Risiken der digitalen Selbst vermessung.(18 TA 67A / 2018). Abgerufen von https://www.ta-swiss.ch/p63361_TA_Swiss_Kurzfassung_Quantified_Self_Inhalt_DE.pdf
  5. Heyen, N. B. (2016). DIGITALE SELBSTVERMESSUNG UND QUANTIFIED SELF. Abgerufen von https://www.isi.fraunhofer.de/content/dam/isi/dokumente/cct/2016/Policy-Paper-Quantified-Self_Fraunhofer-ISI.pdf
  6. Orizet, J. (2019, 8. Februar). So untergräbt die Helsana mit ihrer App das Solidaritätsprinzip. Abgerufen 15. April, 2019, von https://www.netzwoche.ch/news/2019-02-08/so-untergraebt-die-helsana-mit-ihrer-app-das-solidaritaetsprinzip

Quelle Titelbild:
Matters Journal. (2017, 9. November). The Quantified Self: How Far Would You Go? [Bild/Grafik]. Abgerufen 15. April, 2019, von https://mattersjournal.com/stories/2017/11/09/the-quantified-self

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About Author

Chantal

Leidenschaftliche Cat-Person aus Bern. Ich versuche das eigenwillige Verhalten von Katzen (nicht immer erfolgreich) zu verstehen und daraus zu lernen. Das Wohlergehen der Vierbeiner liegt mir am Herzen.

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