Quantified Self – wenn Schrittzähler zum Albtraum werden

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Ich keuche als ich an meiner Haustüre ankomme. Mein T-Shirt ist komplett durchgeschwitzt. Doch das alles interessiert mich nicht. Alles was ich sehen will sind nackte Zahlen. Praktischerweise aufgenommen durch den Sensor, den ich an meinem Handgelenk trage. Das Leben in Zahlen – das Quantified Self – bietet offenkundige Vorteile. Doch genauso gefährden die aufgezeichneten Daten die Gleichberechtigung, wie aktuelle Beispiele aufzeigen.

Zu Beginn: Was gehört eigentlich alles zu Quantified Self?

Beim Quantified Self – oder auf Deutsch «Sich selbst in Zahlen» – geht es um die Sammlung und Auswertung von Körperdaten. Dazu zählen beispielsweise Schrittzahlen, Pulsschlag, Kalorienverbrauch, Schlafdaten oder Körpertemperatur. Aufgezeichnet werden diese Daten von den Wearables der üblichen Verdächtigen der Tech-Industrie. Dazu gehören Fitbit, Garmin, Apple oder Samsung, die beispielsweise Smartwatches oder Armbänder (Bracelets) mit den nötigen Sensoren herstellen. Neu ist das an und für sich nicht. Bereits 2008 sprach Prof. Dr. Gunter Dück, IBM Ingenieur, von DataScience im Sport und davon, wie Körperdaten von Spitzensportlern ausgewertet werden können. Der Unterschied zu heute? Der Zugang. Egal ob man Freizeitsportler, Tech-Geek oder einfach Körperbewusst ist, alle können sich selbst messen.

Wo Quantified Self neue Möglichkeiten und Chancen bietet

Mit den neuen Messungsmöglichkeiten beim Quantified Self eröffnet sich ein neues Spektrum an Vorteilen. Da sind einerseits Sportler, die ihre Leistung messen können und je nach Trainingsintensität Ihre Ernährung anpassen können. Ebenso steigert Quantified Self aber auch das Bewusstsein für Bewegung oder Entspannung, durch die tägliche Schrittmessung oder dem Schlafrhytmus-Tracking. Abgesehen von den Daten können Wearables mittlerweile erkennen, wenn jemand gestürzt ist und nötigenfalls eine Ambulanz benachrichtigen. Oder das integrierte GPS Signal hilft bei der Suche von Lawinenopfern. Schlussendlich bereitet Quantified Self auch den Weg für predicitve analytics, also die Voraussage von Krankheiten.

Schwanger werden oder ohne Hormone verhüten dank Quantified Self

Doch der wohl bekannteste Use-Case der Nutzung von Körperdaten ist das Armband von AVA. Dieses misst während des Schlafs physiologische Parameter von Frauen und erkennt mittels Algorithmus die fruchtbaren Tage und zeigt an, wann diese starten und enden – gemäss Website von AVA mit einer Messgenauigkeit von 89 Prozent. Dadurch soll einerseits eine komplett hormonfreie Verhütung möglich sein, und andererseits Frauen helfen, die versuchen wollen, schwanger zu werden.

Die dunkle Seite von Quantified Self: der gläserne Mensch

Nach der anfänglichen Euphorie stellt sich jedoch die Frage nach dem Umgang mit den Körperdaten. Wer durch ein Wearable Daten über sich selbst sammelt, teilt diese bewusst oder unbewusst auch mit den Anbietern der Wearables – denn schlussendlich geht es ja um die ausgewerteten Daten, die in einem möglichst Nutzerfreundlichen Interface betrachtet werden können. Doch eine Garantier, dass die Daten sicher aufbewahrt werden und niemals missbraucht werden, gibt es nicht. Denn Datenanalytiker sehen grossen Wert in der Auswertung der Körperdaten für die Erforschung von Kundengewohnheiten oder -zufriedenheit. So könnten Unternehmen angepasst auf unsere Körperdaten ihre Aktivitäten anpassen und uns so manipulieren, dass wir Opfer unserer Selbst werden.

Helsana Plus App: «Es geht offenbar um Risikoselektion»

Ein spannender wie kontroverser Fall ist dabei das App des Versicherers Helsana, die Helsana Plus App. Sie bietet den Versicherten die Möglichkeit, ihr Wearable mit zu verbinden und die Körperdaten zu teilen. Wer dann beispielsweise täglich eine gewisse Anzahl Schritte läuft oder während einer bestimmten Dauer einen höheren Puls hatte, sammelt auf seinem Kundenkonto Punkte. Diese Punkte können dann in Geldprämien eingetauscht werden. Dabei steht vor allem der Datenschutz in der Kritik. Denn Gesundheitsdaten gelten als besonders sensible Daten und müssen gemäss Datenschutzgesetz besonders geschützt werden. Ebenso wird befürchtet, dass dadurch weniger aktive Menschen von Versicherern benachteiligt werden, wie Prisca Birrer-Heimo, die Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) in einem Bericht vom Schweizer Fernsehen zu bedenken gibt: «Es geht offenbar um Risikoselektion, es geht darum auch besonders gesunde Menschen versichern zu können, aber es ist eben so, dass in unserer Gesellschaft Menschen mal gesund, mal nicht gesund sind und die Krankenkassen sind verpflichtet alle Menschen zu versichern.»

Mehr über Quantified Self am Diginect-Event erfahren

Weitere Informationen und die Diskussion, in welche Richtung der Trend vom Quantified Self zeigt, erfahren Sie an unserem Event am 14.5.2018 im Auditorium von IBM.

 

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Ben

Care less, bake more: das ist mein Motto in der Küche. Bei mir findest du Backkreationen ohne Schnick-Schnack! Ausserdem gibts neben den Storys und den Rezepten praktische Tipps und Tricks.

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