Musikstreaming – Fluch oder Segen?

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Wann hast du das letzte Mal eine CD im Laden gekauft? Wenn du dich jetzt fragst, was eine CD oder ein Laden ist, dann nutzt du wahrscheinlich Streamingdienste. Seit Jahren ist Musikstreaming auf dem Vormarsch und wird für immer mehr Menschen zum wichtigsten Weg, Musik zu hören. Aber was bedeutet Streaming für den Musikmarkt und die Musiker?

Verdienen denn die Musiker mit Streaming überhaupt noch etwas?

Gemäss 20minuten (2017) „verdienen Schweizer kaum etwas mit Streaming“. Dies wird mit dem Beispiel des Mundart-Musikers Trauffer illustriert, der gemäss dem Artikel im Jahr 2015 mit 17’000 Streams gerade mal 108 CHF verdiente. Dabei muss allerdings relativiert werden, dass drei Jahre im Streaming-Zeitalter eine halbe Ewigkeit sind. Gemäss seinem Spotify-Profil hat der gleiche Künstler heute knapp 42’000 monatliche Hörer, was seinen Umsatz schon massiv gesteigert haben dürfte (Spotify, 2018). Klar ist jedoch, dass Schweizer Künstler aufgrund des sehr kleinen Marktes im internationalen Vergleich einen schweren Stand haben. Allerdings: die Beschwerden, dass es sich nicht lohne, wurden am Anfang auch von internationalen Stars geteilt. So hat beispielsweise Taylor Swift im Jahr 2014 ihre gesamte Musik von Spotify entfernt, da sie unter Anderem der Meinung war, dass die kostenlose Verfügbarkeit ihre Musik entwerte. 2018 ist sie jedoch wieder zurückgekehrt, vermutlich, weil sie und ihr Management bemerkt haben, wie wichtig Streaming mittlerweile als Vertriebsweg geworden ist (Britton, 2018).

Chancen

Für Künstler, die bereits bekannt sind, bieten Streamingplattformen grosse Chancen. Ein Phänomen, das in letzter Zeit massiv an Bedeutung gewinnt, sind kuratierte Playlists. Branchenleader Spotify beispielsweise betreibt über 6000 Playlisten (Hebeisen, 2018) in allen Genres und Richtungen, die man sich nur vorstellen kann. Da diese Listen auf Spotify prominent platziert sind, werden sie millionenfach angeklickt. Eine Platzierung der neusten Single in der Spotify Playlist RapCaviar mit 9,6 Millionen Followern und zahllosen weiteren Hörern bringt heute vermutlich mehr Bekanntheit, als das Abklappern von dutzenden Radiostationen. Dass dies auch in der Schweiz funktionieren kann, beweist die aktuelle Nummer 1 der Schweizer Single-Charts: „079“ von Lo & Leduc. Die erste Schweizer Nummer-1-Single seit drei Jahren hat einen grossen Teil ihres Erfolgs der Platzierung in schweizerischen Spotify-Playlists zu verdanken (Hebeisen 2018). In der Schweiz ist dies eine absolute Premiere.

Bevor sie die ersten Alben verkauften, hatten die beiden bereits drei kostenlose Mixtapes veröffentlicht und sich damit eine treue Fangemeinde aufgebaut, die der Grund ist, weshalb Lo & Leduc seit Jahren landesweit bei fast jedem Festival gebucht werden. In den USA gibt es mittlerweile den Begriff „SoundCloud-Rapper“. Dieser steht für eine ganze Generation junger Rapper, die in kürzester Zeit mit Gratisreleases über die Plattform SoundCloud eine so grosse Bekanntheit aufgebaut haben, dass sie vom No-Name direkt in den Mainstream katapultiert wurden. Streamingplattformen und Gratisreleases bieten Künstlern die Möglichkeit, mit wenig finanziellem Aufwand ein riesiges Publikum zu erreichen. Künstler ohne Major Labels haben so ganz neue Möglichkeiten, Bekanntheit in einem Mass aufzubauen, wie dies mit physischen Tonträgern niemals möglich gewesen wäre.

Aber was bringt diese Bekanntheit überhaupt? Bei einem kostenlosen Release bringt auch der Millionste Download keinen Umsatz. Während die Verkäufe von Musik seit Jahren rückläufig sind, ist die Entwicklung im Bereich Live-Musik genau umgekehrt wie die folgende Grafik zeigt.

Umsätze des US-Musikmarkts von 1950 bis 2015 (Quelle: Naveed, Watanabe, Neittaanmäki, 2017)

Ein Konzert kann zwar auch aufgenommen werden. Das Erlebnis eines Konzerts kann aber nicht so einfach digitalisiert werden wie eine Studioaufnahme. Die wichtigste Voraussetzung, um lukrative Gigs spielen zu können, ist Bekanntheit und eine Fangemeinde, die die Konzerte besucht. Hier bietet Streaming riesige Potenziale für neue Künstler.

Fazit

Es ist schwierig, ein abschliessendes Fazit zu ziehen, ob Streaming das Ende oder der Neuanfang der Musikindustrie ist. Zahlreiche Studien haben sich bereits mit der Frage beschäftigt, ob Streaming der Industrie insgesamt eher nützt oder schadet. Es herrscht jedoch noch kein Konsens. Zu unterschiedlich sind die Datengrundlagen, Beobachtungszeiträume und Fragestellungen. Aus Sicht der Künstler bieten sich neue Möglichkeiten, schnell Bekanntheit zu gewinnen, Daten über die Hörerschaft zu analysieren oder mit minimalem Aufwand, Musik der ganzen Welt zugänglich zu machen. Andererseits haben vor allem kleine Künstler Schwierigkeiten, mit Streams den gleichen Umsatz wie mit Alben zu erreichen. Welcher dieser Effekte stärker zu gewichten ist, muss jeder Künstler für sich selbst entscheiden.

Quellen
20minuten (2017). Schweizer verdienen kaum etwas mit Streaming. Abgerufen am 12. Juni 2018 von http://www.20min.ch/entertainment/musik/story/Schweizer-verdienen-kaum-etwas-mit-Streaming-11113656
Britton, L.M. (2018). Spotify boss explains how he convinced Taylor Swift to return to the streaming service. Abgerufen am 12. Juni 2018 von http://www.nme.com/news/music/spotify-boss-daniel-ek-talks-taylor-swift-streaming-return-2280169
Hebeisen, A. (2018). Top oder Flop – wie Spotify die Musiker dominiert. Abgerufen am 12. Juni 2018 von https://www.tagesanzeiger.ch/kultur/pop-und-jazz/Top-oder-Flop–wie-Spotify-die-Musiker-dominiert/story/12615451#mostPopularComment
Naveed, K., Watanabe, C. & Neittaanmäki, P. (2017). Co-evolution between streaming and live music leads a way to the sustainable growth of music industry – Lessons from the US experiences. Abgerufen am 12. Juni 2018 von https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0160791X17300118?via%3Dihub
Spotify (2018). Trauffer on Spotify. Abgerufen am 10. Juni 2018 von Spotify (2018) https://open.spotify.com/artist/5OZDFOcXeeYM9qHveATCF5

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Student im Masterstudiengang Business Administration - Major Online Business and Marketing

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