Saure Zitronen & verrückte Methoden

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Schon seit Wochen freute ich mich auf das Future Forum Lucerne. Endlich mal wieder spannende Menschen treffen. Endlich mal wieder verrückte Gedanken spinnen. Endlich mal wieder die Komfortzone verlassen.

Die Challenge

Ich wurde der Challenge “Weiterbildung 2030” der Hochschule Luzern zugeteilt. Im ersten Moment dachte ich mir – ich bin jetzt Studentin, was interessiert mich das Angebot in zehn Jahren? Schnell aber wurde mir klar, dass es bei dieser Challenge um viel mehr als nur eine Angebotsentwicklung ging: Wo gibt es Probleme im heutigen Weiterbildungskonzept? Welche Kompetenzen werden wir in Zukunft brauchen? Wo können wir heute schon ansetzen?

Die Methoden

Wir tauchten sofort in unsere erste Kreativmethode ein, ohne grossen Kontext, bääm los geht’s! Typisch Future Forum. In dieser bunt gemischten, interdisziplinären, von Frauen dominierten Gruppe durften alle eine Postkarte aus einem Haufen ziehen und frei dazu thematische Gedanken assoziieren. Ich hatte eine Karte mit undeutlichen Skizzen in der Hand. Interdisziplinarität, Konsumhaltung, Silodenken, Wissensneugier kamen mir etwas willkürlich in den Sinn. Gibt es das Wort Wissensneugier überhaupt? Ich wusste es nicht, aber das ist egal, es wäre bestimmt nicht das erste Wort, welches am Future Forum erfunden wurde. Im Plenum erkannte mensch sofort, wie breit die Thematik angegangen werden kann. Ich verspürte zum ersten Mal Unverständnis für die Perspektive eines meiner Gegenüber. Aber aus Reibung entsteht Feuer, und Feuer ist essentiell für den Innovationsprozess – auch das etwas, was mich das Future Forum gelernt hatte. Danach wurde es im wahrsten Sinne des Wortes sauer: Wir wandten die Zitronen-Methode an. Mit unseren fünf Sinnen nahmen wir die Zitrone von allen möglichen Perspektiven wahr und fragten uns, wie sich unser Alltag im 2030 anfühlen, wie die Natur in Zukunft aussehen und von welchen Problemen die Hochschule hören wird. Die Fragen wirkten etwas konstruiert, waren aber dennoch spannend. Ich brauchte einen Moment, um mich darauf einlassen zu können. Ich schloss die Augen und roch an der Zitrone: Wie wird es 2030 riechen?  

Mit den losgelösten, wild zusammen gewürfelten Gedankenansätzen der ersten Methode gingen wir nach einem köstlichen Mittagessen in die nächste Runde. Auf einem grossen Papier schrieben wir alle Emotionen nieder, welche wir mit der Weiterbildung der Zukunft in Verbindung brachten. Dabei erstaunte es mich selbst etwas, wie einfach meine Emotionen geweckt werden können. Ich schrieb: Frust, Wut, Ohnmacht, Neugier, Dringlichkeit. Auf dieser Basis verfasste danach jede*r einen gefühlsgeladenen Brief an die Hochschulleitung. Freude ergriff mich, denn ich durfte einen Text schreiben und dann sollte der auch noch kritisch sein – genau mein Ding. Im Plenum analysierten wir die einzelnen Briefe und bildeten Cluster. Schnell fanden sich einige überschneidende Ansätze. Besonders im Fokus gerieten Grundkonzepte der Gemeinschaftlichkeit und Interdisziplinarität.

Alles Bisherige bewegte sich noch mehr oder minder innerhalb meiner ziemlich grossen Komfortzone. Die dritte Methode aber brauchte doch einiges an Überwindung meinerseits geschweige denn seitens mancher anderer Teilnehmenden. Wir wurden aufgefordert, ohne gross nachzudenken, unsere Hauptanliegen in kleine Theaterszenen zu verwandeln. Nicht gross nachdenken, einfach machen. Leichter gesagt als getan, schliesslich musste ich das ja dann auch noch präsentieren. Auf Ratlosigkeit folgte eine Suche nach gemeinsamen Ansätzen in der Gruppe. Das Endprodukt waren drei nach Holz suchende Frauen im Wald, die sich gegenseitig beibrachten, wie mensch ein Feuer entfacht, um Essen zu braten. Alleine wären sie verhungert, aber gemeinsam konnten sie ein Festmahl geniessen.. Das klingt ziemlich flach, aber die Botschaft ist klar: Interdisziplinarität, Gemeinschaftlichkeit, einzelne Fähigkeiten und nicht gesamte Disziplinen lernen. Und das Spannende daran? Bevor wir die Szene fertig entwickelt hatten, war uns diese Botschaft noch gar nicht so klar.

Damit war unser Teil der Arbeit getan. Am Ende des Tages blickten wir auf zwei herauskristallisierte Ansätze für die Weiterbildung 2030 zurück, welche beide grossen Fokus auf Gemeinschaftlichkeit und Interdisziplinarität legten. Auf dieser Basis arbeiteten die Auftraggeber am folgenden Tag exklusiv unter Anleitung der Crealabbies weiter und kristallisierten konkrete Erkenntnisse heraus. Ich bin schon sehr gespannt, wie das Weiterbildungsangebot 2030 der Hochschule Luzern aussehen wird – wer weiss, vielleicht erkenne ich mich ja darin wieder…

Die Keynotes

Mein grösstes Highlight war Armin Chodzinski. Ohne viele Worte legte er eine Platte auf dem mitgebrachten Plattenspieler auf und startete die Un-Konferenz mit einem eher ungewöhnliches Workout. Alle rund 30 Future Forum Teilnehmende hüpften, squateten und joggten während den folgenden Minuten in der Südpol Halle auf und ab. Chodzinski hatte meine Aufmerksamkeit also gleich vom ersten Moment an. Es folgte eine lebendige Rede seinerseits über die Gesellschaft, welche mehr macht als handelt und sich in der Euphorie des Problemlösens verliert. Anprangernd, ernüchternd, aufrüttelnd und dennoch voller Hoffnung. Sein an- und aufregende Auftritt sollte aber nicht sein letzter dieses Tages sein.

Michael Lewrick löste mit seinem Keynote ambivalente Gefühle bei mir aus. Er zeigte auf, wie es möglich ist, mit der Auswertung von öffentlich zugänglichen Daten das Verhalten von Massen zu analysieren und so passende Lösungen für beispielsweise Verkehrsprobleme zu finden. Datenauswertung – da zieht es meinem paranoiden Facebook-Boykottierer-Ich alles in sich zusammen. Methodisch interessant war die Kombination von Daten Analyse mit kreativen Human Centered Ansätzen. Es folgte eine kontroverse Diskussion ausgehenden von den Zuhörenden über die ethische Anwendung von Daten. Die tiefgründige Konversation endete mit einem Schlagabtausch zwischen Chodinski und Lewrick und regte viele zum Denken an.

Der letzte Keynote war ganz anderer und dennoch äusserst emotionaler Natur. Co-Autorin Ursina Kellerhals präsentierte mit Hilfe einiger Teilnehmenden verschiedene Briefe aus dem neuen CreaLab-Werk “Briefe an den Chef”. Ganz unterschiedliche Geschichten kamen so zum Vorschein, manche verspielt und lustig, andere wütend und traurig. Es folgte eine etwas bizarre und doch amüsante Darbietung der Hauptautorin Christine Larbig, welche als personifizierte Emotion auftrat. Ohne Emotionen könnte der Mensch nicht überleben. Sie bilden die Grundlage für gesellschaftliche, soziale Beziehungen. Die Kombination zwischen Fiktion und Realität sowie Rationalität und Emotionalität weckte in mir die Neugier – das Werk wird im September publiziert, und ich werde es mit Freude lesen.

Zu guter Letzt möchte ich noch eines festhalten: Das Future Forum Lucerne war auch dieses Jahr genau das, was es verspricht: unkonventionell, interdisziplinär, zukunftdenkend, inspirierend und ein bisschen verrückt. Ein Erlebnis, das mensch nicht so schnell vergisst. Ich bin nächstes Jahr wieder mit dabei – und du?

Bilder (Galerie oben): Dave Bürgisser und Chris Obrist
Videoaufnahmen: Dave Bürgisser
Videoschnitt: Lou Goetzmann

 

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