Über Zukunft und Herkunft

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In der im Jahre 2003 herausgegebenen Aufsatzsammlung zum 75. Geburtstag von Odo Marquard[1] entwickelt der endlichkeitsphilosophische Skeptiker seine Überzeugung, dass Zukunft nur gemeinsam mit Vergangenheit zu haben ist.

Der Mensch, so Marquard, ist an seine Herkunft gebunden, weil er sterblichkeitsbedingt nur eine begrenzte Lebenszeit hat und entsprechend nicht alles ändern kann, was er möchte – ihm fehlt die Zeit. Nicht nur sein eigener Tod stellt ihn jedoch vor Herausforderungen, sondern auch der Tod der anderen, denn mit jedem Tod stirbt die Verständlichkeit von Vergangenem für diejenigen, die leben bleiben. Interpretation ermöglicht hier das Wiederverständlichmachen von Dingen und Texten, indem sie diese an neue Kontexte anpasst.

Gleichzeitig ist zu beobachten, dass der Mensch in der modernen Welt methodisch aus seinen Traditionen heraus tritt: Die moderne Naturwissenschaft, die Wirtschaft, die Technik und die Informationsmedien arbeiten traditionsneutral, um global sein zu können. Der Mensch kompensiert die Gleichschaltung der Lebenswelt durch Pluralisierungen, zu denen auch Traditionen, Sitten und Gebräuche gehören. So gestaltet er die Welt bunt und vielfältig und dadurch individualitätsfreundlich – denn Individualität ist nur möglich, wenn man mehr als einer (Fortschritts-)Geschichte verpflichtet ist.

Beide Kompensations-Mechanismen deuten in dieselbe Richtung: Zukunft braucht Herkunft, Individualität und deshalb Pluralität. Für CreaLab heisst das, dass alle Ideen für Projekte zur Zukunft der Gesellschaft daraufhin geprüft werden müssen, ob sie

  1. mit der Herkunftswelt verbunden sind
  2. Pluralisierungen wie viele Geschichten und Sichtweisen, viele Traditionen und Sitten und viele Entwicklungsrichtungen zulassen
  3. methodisch genug Spielraum für Interpretation lassen, um die Herkunfts- in der Zukunftswelt verständlich zu machen.

Eine besondere Herausforderung entsteht aus der Notwendigkeit, sehr visionäre Projekte an die Herkunftswelt zu binden, ohne ihre Gestaltungs- und Visionskraft einzuschränken. Herausforderungen sind dazu da, an ihnen zu arbeiten, also: Gehen wir es an.


[1] Odo Marquard (2003). Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays. Stuttgart: Reclam

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