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Remote-Proctoring: Begrenzte Begeisterung an US-amerikanischen Hochschulen

Wie kann man Studierende bei Prüfungen beaufsichtigen, wenn sie die Prüfungen bei sich zu Hause am Computer schreiben?

Eine Möglichkeit dazu, bietet sogenannte Remote-Proctoring-Software, mit der Studierende während der Prüfung überwacht werden. Die Versprechungen der Software-Anbieter sind umfassend: Proctorio, Respondus und andere Software-Unternehmen stellen in Aussicht, dass Studierende Prüfungen an einem Ort ihrer Wahl schreiben können und dabei vom eigenen PC überwacht werden. Die Applikationen würden Schummeleien sofort aufdecken und schlügen Alarm. Genauso umfassend sind aber die Einwände der Kritiker:innen: Die Softwarelösungen seien für Pannen bei der Prüfungsdurchführung verantwortlich, würden Schummeleien nicht zuverlässig entdecken und trügen die Privatsphäre zu Grabe. Die Diskussion zu Remote-Proctoring wird vor diesem Hintergrund emotional geführt, ohne dass im deutschsprachigen Raum verlässliche Erfahrungen zu einem routinierten Umgang mit Proctoring-Lösungen vorliegen.

Um jenseits von PR und Dystopie zu einer nüchternen Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen von Remote-Proctoring zu gelangen, fragte das ZLLF im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach, aus dem sich die meisten Errungenschaften der digitalen Welt ihren Weg nach Europa bahnen. Welchen Stellenwert hatten und haben Proctoring-Applikationen an US-amerikanischen Hochschulen, die Neuerungen in der Regel schneller und konsequenter aufgreifen als Hochschulen im deutschsprachigen Raum. Dr. Brendan Karch von Swissnex Boston verfasste für die Hochschule Luzern eine Überblicksdarstellung mit mehreren Fallstudien, welche die Nutzung von Proctoring-Lösungen an US-amerikanischen Hochschulen vor und während der Corona-Pandemie nachzeichnet.

Die Einschätzungen des Reports fallen ernüchternd aus – zumindest für die Anbieter der Proctoring-Software. Karch, der bei Swissnex Boston den Bereich Academic Engagement verantwortet und über langjährige Lehrerfahrung an Hochschulen verfügt, stellt den Proctoring-Lösungen ein durchwegs schlechtes Zeugnis aus: Die genutzte Technik sei im Grunde rudimentär und könne Schummeleien während einer Prüfung nicht von anderen Verhaltensweisen – etwa dem gedankenverlorenen Blick aus dem Fenster – unterscheiden. Entsprechend würde die Software viele Verdachtsfälle identifizieren, die dann von den prüfenden Dozierenden verifiziert oder – meist – falsifiziert werden müssten. Zudem habe die Nutzung zu massiven Protesten der Öffentlichkeit und der Studierendenschaft geführt. Die Reaktionen der Hochschulen, die Karch in seinem Report betrachtet, sind denn auch klar: Genauso schnell und konsequent, wie die Hochschulen das Remote-Proctoring zu Beginn der Pandemie eingeführt haben, haben sie es nun auch wieder abgeschafft.

Allerdings berichtet Karch in einem der Fallbeispiele auch von Szenarien, in denen sich Remote-Proctoring bewährt. Dies ist dann der Fall, wenn es nicht flächendeckend und hochschulweit eingesetzt wird, sondern nur in spezifischen Fällen, die sich für ein solches Setting eignen. Die Nutzung einer Proctoring-Lösung ist dabei für die einzelnen Studierenden stets optional. Und als technische Lösung für ein solches Proctoring reiche, so Karch, eigentlich auch Zoom aus; eine spezifische Software biete kaum Vorteile, die den zusätzlichen Aufwand rechtfertigen würden. Auch dies zeigt: Die Möglichkeiten von spezifischen Software-Lösungen zum Remote-Proctoring sind offenbar auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten durchaus begrenzt.

Download: Karch Swissnex Proctoring Report

Karch, Brendan (2022): Online Proctoring Services. Insights from North America. A Swissnex in Boston report commissioned by HSLU, the Lucerne University of Applied Sciences and Arts. Boston: Swissnex.

Photo by Emiliano Cicero on Unsplash

 

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