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Lernvideos – Didaktische Überlegungen

In diesem dritten Beitrag unserer Lernvideo-Serie beleuchten wir den didaktischen Aspekt beim Lernen mit Videos. Zum einen wird die Rolle des Lernvideo im Gesamtkontext einer Lehrveranstaltung betrachtet, zum anderen die Didaktisierung des Videos selbst.

Didaktische Einbettung in eine Lehrveranstaltung
Wie bei allen Lerninhalten und Lernmaterialien sind Lernvideos Teil der didaktischen Planung und stehen selten für sich allein. Videos allein sind kein Garant, die Aufmerksamkeit der Studierenden zu erhöhen oder die Vorbereitungsphase zu intensivieren. Das didaktische Design einer Lehrveranstaltung, das ausgehend von der inhaltlichen Kohärenz mit Lernzielen, Lernaufgaben und Evaluation (Constructive Alignment, Biggs) die Relevanz des Lehrinhalts zum Tragen bringt sowie die Lehrperson, die mit dem Lerninhalt und den Lernenden in Resonanz tritt, spielen letztendlich die entscheidende Rolle.

Für Reinmann (2015) ist ein didaktisches Szenario oder didaktisches Design eine Kombination aus den drei Komponenten Vermittlung, Aktivierung und Betreuung. Um Lehrveranstaltungen zu planen, sind alle drei Komponenten relevant; ihre Ausprägung hängt letztendlich vom Kontext ab. Lernvideos sind dem Bereich der Vermittlung zuzuordnen, da sie nur in eine Richtung funktionieren. Mit der Rezeption eines Videos findet noch keine Aktivierung statt, die aber nötig ist, um die Videoinhalte zu verarbeiten und zu integrieren. Lernvideos können das Produkt von Aktivierungsaufgaben sein sowie der Betreuung zugeordnet werden, wenn z.B. ein Feedback in Form eines Videos gegeben wird, oder ein Peer-Feedback anhand einer Videoanalyse in den Lernprozess einbezogen wird. Lediglich bei der Erstellung von Lernvideos von Seiten der Lernenden (Lernen durch Lehren) kann von Videos als aktivierendes Produkt gesprochen werden.

Wie bei der Vorbereitung mit Texten auf eine Präsenzveranstaltung gilt es auch bei Lernvideos, die im Selbststudium eingesetzt werden, eine aktive Verarbeitung der selbst erarbeiteten Lerninhalte mit einzubeziehen, damit der Selbstlernprozess ermöglicht wird. Durch gezielte Fragestellungen und Aufträge wird die Relevanz des Lerngegenstands hervorgehoben, die Aufmerksamkeit gesteuert sowie eine Auseinandersetzung mit dem Lernmaterial angeregt. Verständniskontrollen durch Fragen ermöglichen es Lernenden, selbständig zu überprüfen, ob die wichtigsten Konzepte verstanden wurden. Reflexionsfragen am Anfang oder Ende eines Lernvideos, die Analyse einer Lernsituation im Video oder kollaborative Formen durch Videoannotation sind weitere Möglichkeiten zur aktiven Auseinandersetzung mit Lerninhalten. Ohne dazugehörige Lernaufgaben zur Anwendung und Vertiefung besteht die Gefahr, dass es beim „passiven Konsumieren“ bleibt.

Didaktisierung eines Lernvideos
Neben den im zweiten Beitrag beschriebenen lernpsychologischen gestalterischen Prinzipien sind rein didaktische Überlegungen essenziell, damit das Lernen mit Videos lernwirksam unterstützt wird. Hierzu gehören z.B. Struktur und Aufbau, didaktische Reduktion, Erzählmethode und Aktivierung um nur ein paar didaktischen Mittel zu nennen.

Einer der zentralen Aspekte der Didaktik ist das Erklären und Vermitteln von Fachinhalten und Informationen. Ziel von Erklären ist es, Inhalte verständlich zu machen (Findeisen, 2017). Dazu gehört, dass das Wissen aufgenommen und verarbeitet werden kann, indem es an bestehende kognitive Strukturen angeknüpft wird. Erst wenn der Lernende mit seiner bestehenden kognitiven Struktur oder seinem Vorwissen die dargebotenen Inhalte rezipiert, wenn sich also das Lehrmaterial mit seiner kognitiven Struktur verbindet, entsteht auch Bedeutung (vgl. Reinmann, 2015, S. 33). Das heisst wiederum, so Reinmann, dass die didaktische Struktur so ausgewählt, angeordnet und aufgebaut sein muss, dass die Lernende möglichst wenige Verständnisprobleme haben und zum Vorwissen anknüpfen können. Die didaktische Struktur ist von Inhalten und deren Komplexität abhängig sowie von der Zielgruppe und deren Wissensstand.

Ein Lernvideo lässt sich wie ein Vortrag oder eine Geschichte dramaturgisch in drei Teile gliedern: Einleitung, Hauptteil und Schluss.

  • Mit einer Einleitung wird die Verbindung zu den Lernenden hergestellt, Aufmerksamkeit erzeugt und die Lernenden dort abgeholt, wo sie gerade mit ihrem Wissensstand stehen. Die Einleitung ist ein kognitiver Wegweiser, der eine Orientierung für das Lernvideo gibt und die Relevanz des Inhalts innerhalb der Lehrveranstaltung aufzeigt. Aufhänger wie Beispiele, Zitate, Fragen, Karikaturen, usw. leiten oft das Thema ein.
  • Im Hauptteil wird das Thema entwickelt. Dies kann mit der 3er Denkschienen* erfolgen (Chronologisch, Argumente, Kompromiss, Aspekte, Analyse, …) oder mit einer anderen didaktischen Erklärmethode. Tenberg (2021) unterscheidet zwischen folgenden Erklärmethoden bei Lernvideos: beschreibend-erläuternd, induktiv und deduktiv, unterweisend, problemorientiert, generativ, fragengestützt,  episodenhaft. «Episodenhaft» bedeutet laut Tenberg, den Inhalt in eine Geschichte oder Episode zu verpacken. Oftmals wird hier der Begriff des «Storytelling» benutzt. Fachinhalte werden in Form von Fallbeispiele, persönlichen Erlebnissen, Anekdoten oder Metaphern aus der Perspektive einer realen oder fiktiven Person mit einem Anfangsproblem und einer Lösungsstrategie erzählt. Werden Informationen in eine «gute» Geschichte gebettet und sind mit starken Emotionen wie Freude, Überraschung oder Angst verbunden, dann wirdt der Lerninhalt bei den Lernenden nachhaltend. So kann der Satz von Pythagoras beschreibend erläutert oder auch in eine Geschichte verpackt werden und die Heldenreise des Pythagoras aufzeigen.
  • Der Schluss dient als Fazit für eine bessere Verankerung und Einordnung. Die wesentlichen Punkte werden zusammengefasst, eine Verbindung zum Anfang hergestellt oder auf die nächsten Schritte, wie z.B. eine Lernaufgabe, verwiesen. Zu viele Zusammenfassungen führen allerdings dazu, dass kognitive Kapazitäten sich ständig mit Redundanzen beschäftigen und nicht mehr zum Nachdenken über inhaltliche Fragen zur Verfügung stehen.

Spannende Fragen können während des Videos zum Mitdenken oder Wiederholen von Konzepten anregen und dabei helfen, das Gelernte mit bestehendem Wissen zu integrieren. Die Sprache zeichnet sich durch kurze Sätze und einem angenehmen Tempo aus sowie einer einfachen Sprache.

Kulgemeyer (in Dorgerloh & Wolf, 2020) hat auf Basis seiner empirischen Forschung folgende didaktische Qualitätskriterien für Lernvideos hergeleitet:

  • Adaption (Zielgruppenangepasst: Vorwissen, Fehlvorstellungen, Motivation, Autonomie, …)
  • Veranschaulichung bzw. Werkzeug der Adaption (Analogien, Beispiele, Modelle, Sprachebene)
  • Relevanz verdeutlichen (Einleitung: Bedeutung des Inhalts für die Zielgruppe, Lernende unmittelbar ansprechen und zum handelnden Lernen motivieren, direkte Ansprache).
  • Struktur geben (Erklärmethode auswählen, die zum Lernziel passt).
  • Präzise und kohärent erklären (Exkurse vermeiden, hohe Kohärenz des Gesagten).
  • Konzepte und Prinzipien erklären.
  • In Lehrveranstaltung einbetten.

Für Christian Spannagel (in Dorgerloh & Wolf, 2020), der seit vielen Jahren das Flipped Classroom-Modell anwendet und Lernvideos zur Vorbereitung der Präsenzveranstaltung einsetzt, müssen gute Erklärvideos inhaltlich korrekt und didaktisch gut gestaltet sein, damit die entsprechenden kognitiven Strukturen aufgebaut werden können, medientechnisch gut gestaltet sein mit guter Audio- und Videoqualität und einer gewissen Ästhetik. Wichtig ist für ihn, die Lerngruppe mit einem prototypischen Lernenden beim Produzieren von Lernvideos im Blick zu haben.

Thematische Vertiefung
Das ZLLF bietet vom 8. August bis 29. September 2022 einen 8-wöchigen Kurs «Konzeption und Produktion eines Lernvideos» an. Falls Sie Fragen zu Lernvideos haben oder Unterstützung bei der Umsetzung benötigen, dann wenden Sie sich gerne ans ZLLF: email hidden; JavaScript is required. Für die Produktion des eigenen Lernvideos kann die Infrastruktur des MediaLab genutzt werden.

 

*Im MOOC «Videos in der Hochschullehre» (Kapitel «Talking Head Videos effektiv und effizient gestalten») werden diese Erzählstrategien ausführlich beschrieben.

Literatur

  • Reinmann, G. (2015). Studientext Didaktisches Design.
  • Tenberg, R. (2021). Didaktische Erklärvideos – ein Praxis Handbuch. Stuttgart: Steiner
  • Dorgerloh, S. & Wolf, K.D. (2020). Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos. Weinheim: Beltz
  • Biggs, J. & Tang, C. (2011). Teaching for Quality Learning at University: What the Student Does. Maidenhead, UK: Open University Press
  • MOOC «Videos in der Hochschullehre»

 

Photo by fizkes at adobe stock

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