Feedback-Literacy entwickeln durch Screencast-Feedbacks

Screencast Feedbacks fördern die Feedback Literacy von Student:innen im Unterricht, unterstützen einen ganzheitlicheren Blick auf studentische Texte und fördern insbesondere unter den Bedingungen des Fernunterrichts das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Lerngruppe, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt.

Welche Faktoren unterstützen Lernen am effektivsten? Eine der Standardantworten ist: Feedbacks. Insbesondere die Studien von John Hattie (e.g. Hattie 2009; 2011; 2015) zeigen eindrücklich, dass Feedback, wie wenige andere didaktische Instrumente, mitunter den grössten Einfluss auf das Lernen hat (Hattie und Timperley 2007). Das Problem: Diese sehr allgemeine Aussage lässt eine ganze Reihe von Aspekten aussen vor – etwa, dass Feedbacks von Student:innenseite oft gar nicht so geschätzt werden (vgl. etwa für Grossbritannien Bell und Brooks 2018). Das hat damit zu tun, dass sie ganz unterschiedliche Funktionen haben können, z.B. die Unterstützung des Lernprozesses oder die Legitimierung einer Note. Nicht selten ist weder Dozent:innen noch Student:innen hinreichend klar, welche Funktion eine bestimmte Feedback-Form im Unterricht genau hat.

1. Peer-Feedbacks zu Texten

Das Peer-Feedback, bei dem die Student:innen sowohl Feedback geben wie auch empfangen, krankt oft daran, dass es oberflächlich bleibt. Dieser Befund ist nicht weiter erstaunlich, müssen die Student:innen doch erst einmal lernen, substantiierte Feedbacks zu geben. Dazu kommt: Das Empfangen von Feedbacks – gerade von Peers – muss ebenso gelernt sein, wie das Geben auch.

Wie sich die Feedback-Literacy bei Student:innen fördern lässt, hat James Wood kürzlich in einer Studie untersucht, bei der es um Peer-Feedback auf studentische Texte ging (vgl. Wood 2021). Dabei lag das Augenmerk auf der Form des Feedbacks und der damit verbundenen Frage, ob sich durch ein anderes Format auch die Inhalte des Feedbacks verändern.

Feedback zu studentischen Texten findet in aller Regel in schriftlicher Form statt. Wood beobachtete, dass sich ein schriftliches Peer-Feedback auf Texte typischerweise auf Mikro-Aspekte beschränkt – etwa Anmerkungen zu einer einzelnen Wortwahl oder einfache Rechtschreibefehler. Insgesamt bleiben es aber isolierte Einzelbeobachtungen. Es fehlt der grössere Blick für den Text als Ganzes. Auf der Seite der Feedback-Empfänger:innen bleibt die Auseinandersetzung mit den Rückmeldungen oft oberflächlich. Sie werden zur Kenntnis genommen und auf die Seite gelegt ohne dass eine substanzielle Auseinandersetzung mit der Rückmeldung stattfindet.

2. Feedback einmal anders

Um diese beiden Defizite anzugehen, hat Wood in der Studie anstelle des klassischen schriftlichen Feedbacks die Student:innen Rückmeldungen mit einem so genannten Screencast Feedback geben lassen. In diesem Format erfolgt die Rückmeldung in Form einer Videonachricht. Neben der Sprecher:in, die als Talking Head eingeblendet ist, wird der zu besprechende Text angezeigt, auf dem die Feedback-Geber:innen Aspekte hervorheben oder Anmerkungen anbringen können.

Zwei entscheidende Veränderungen liessen sich beobachten. Erstens hatte die Mündlichkeit des Screencast Feedbacks den Effekt, dass weniger isolierte Einzelaspekte im Vordergrund standen, sondern grundsätzlichere und allgemeinere Beobachtungen. Und zweitens führte das Screencast Feedback dazu, dass die Feedback-Nehmer:in direkt angesprochen wurde. Die Form der Videobotschaft und der Umstand, dass sich die Feedback-Geber:in für ihre Rückmeldung filmte, gab der Empfänger:in eher das Gefühl einer persönlicheren Beziehung, als dies über eine verschriftlichte Rückmeldung geschehen würde. Dadurch wurde das Feedback insgesamt stärker als eine persönliche Botschaft wahrgenommen und in der Folge auch genauer studiert.

3. Feedback-Literacy fördern

Allerdings lässt sich an dieser Stelle einwenden, dass sich Feedback Literacy für das Geben und das Empfangen von Feedbacks auch auf andere Art fördern lässt und dass es nicht zwingend eine technische Lösung sein muss. Das ist korrekt und dennoch sind ein paar Ergebnisse der Studie bedenkenswert. Erstens darf ich als Dozent:in nicht einfach voraussetzen, dass die Student:innen über die notwendigen Kompetenzen zum Feedback-Geben und Feedback-Nehmen verfügen. Diese müssen sie sich erst erarbeiten. Technische Lösungen wie das Screencast Feedback können hier eine Unterstützung bieten, indem sie eine bestimmte Form vorgeben. Zweitens ist Feedback nicht gleich Feedback: Ich muss mir als Dozent:in klar sein, welche Art von Feedback ich anstrebe und wie ich die Student:innen unterstützen kann, damit sie dies auch erreichen. Und drittens ist der Beziehungsaspekt zentral für Peer-Feedbacks. Für das Entgegennehmen von Feedbacks ist eine tragfähige Beziehung Voraussetzung. Gleichzeitig können substanzielle Peer-Feedbacks auch das Knüpfen von Beziehungen in Lerngruppen fördern.

4. Screencast Feedback im Unterricht einsetzen

Wie lässt sich das Screencast Feedback im Unterricht einsetzen? In der Studie wurde die Online-Plattform Loom verwendet. Damit lässt sich das Screencast Feedback rasch und effizient umsetzen, ist doch die Plattform genau für ein Szenario geschaffen, um Präsentationen, Word- oder Pdf-Dokumente am eigenen Bildschirm zu kommentieren. Der eingeblendete Talking Head wird dabei über die Notebook-Webcam aufgenommenen.

Allerdings ist bei Loom die Frage bezüglich Datenschutzes und Datensouveränität ungeklärt. Eine Alternative zu Loom ist ein mit der Open Source Software OBS aufgezeichnetes Screencast Feedback. Neben dem allgemeinen Einarbeitungsaufwand in OBS kommt noch das Einrichten des spezifischen Layouts für das Screencast Feedback hinzu. Ebenfalls ein zusätzlicher Aufwand besteht in der Bereitstellung der fertigen Videos. Während dies bei Loom bequem und automatisch über die Website läuft – man sich dabei aber die ganzen Datenschutzfragen einhandelt – muss die Bereitstellung mit der OBS Lösung manuell via Lernplattform (im Falle der HSLU: Ilias) geschehen. Dafür ist OBS sehr flexibel und lässt sich an die eigenen Bedürfnisse anpassen und man gibt die Hoheit über seine eigenen Daten – und die der Student:innen – nicht aus der Hand: durchaus zwei entscheidende Vorteile also.

Als niederschwellige Alternative bietet sich auch Zoom an: als Feedback-Geber:in ein Meeting ohne Teilnehmer:innen starten, den Bildschirm mit dem Text teilen, das Meeting aufzeichnen und das mündliche Feedback aufnehmen. Die Datei lässt sich dann wiederum via Ilias verteilen. Dass bei Zoom auch nicht alle Datenschutzfragen restlos geklärt sind, steht auf einem anderen Blatt.

Gerade im Modus des Fernunterrichts kann das Screencast Feedback als ein vielversprechendes Werkzeug für asynchrones kollaboratives Lernen eingesetzt werden, welches darüber hinaus das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Lerngruppe fördert.

Bibliografie

Bell, Adrian R., und Chris Brooks. 2018. «What Makes Students Satisfied? A Discussion and Analysis of the UK’s National Student Survey». Journal of Further and Higher Education 42 (8): 1118–42. https://doi.org/10/gjhc32.

Hattie, John. 2009. Visible learning: a synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London ; New York: Routledge.

———. 2011. «Which Strategies Best Enhance Teaching and Learning in Higher Education?» In Empirical Research in Teaching and Learning, 130–42. John Wiley & Sons, Ltd. https://doi.org/10.1002/9781444395341.ch8.

———. 2015. «The Applicability of Visible Learning to Higher Education». American Psychological Association 1 (1): 79–91. https://doi.org/10.1037/stl0000021.

Hattie, John, und Helen Timperley. 2007. «The Power of Feedback». Review of Educational Research 77 (1): 81–112. https://doi.org/10.3102/003465430298487.

Wood, James. 2021. «Making peer feedback work: the contribution of technology-mediated dialogic peer feedback to feedback uptake and literacy». Assessment & Evaluation in Higher Education 0 (0): 1–20. https://doi.org/10/gnqs6n.

 

Weiterführende Links

Blogbeitrag Peer-Feedback

ZLLF Webinar zum Thema Peer-Feedback einsetzen und anleiten (13.01.2022 von 17.00 – 18.00 Uhr).

 

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