Was Hochschulen von der Fitness-App Strava lernen können

Präsenz oder online: Was ist besser? Braucht es beides?  Hochschulen und Dozierende ringen derzeit darum, wie die «neue Normalität» nach Corona aussehen soll. Eine Anregung dazu kann der Vergleich mit der Fitness-App Strava bieten – vielleicht lässt sich ja einiges, was für Rennradfahrer gilt, auch auf Studierende übertragen?

Die Unternehmenszahlen lesen sich wie ein Märchen für Finanzanalysten: Im Jahr 2020 vervierfachte sich der geschätzte Wert der Fitness-App Strava auf 1,5 Milliarden US-Dollar, und 2021 verzeichnete die App jeden Monat 2 Millionen neue Nutzer. Inzwischen nutzen über 80 Millionen Menschen in 195 Ländern die App. Im Frühjahr 2020, als die Welt wegen Corona kurzerhand weggesperrt wurde, verzeichnete der Dienst sogar eine Verdoppelung der aufgezeichneten Aktivitäten innerhalb von 60 Tagen. Wenn ich schon nicht mit meinen Kolleg*innen trainieren kann, will ich zumindest online mit ihnen in Verbindung bleiben, schienen sich viele zu sagen.

Strava startete 2009 in San Francisco als Tracking-App für Radrennfahrer. Die Sportler konnten mit der App ihre Routen und Leistungen aufzeichnen und die Daten dann über ein Portal mit anderen austauschen und vergleichen. Im Zentrum stand der Wettkampf: Wer schafft die Route noch schneller, und wie fit bin ich im Vergleich zu den anderen? Die Leistungskomponente ist bei Strava heute noch präsent: Zwei Drittel aller Tour-de-France-Fahrer haben ein Profil auf Strava und dokumentieren dort ihre Leistungen.

Daneben ist Strava aber längst im Breitensport angekommen: Die Routen, die andere hochgeladen haben, kann man auch aufs eigene Navi-Gerät laden. Sie dienen dann als bequeme Vorlage, wenn man sich keine eigene Route zurechtlegen möchte. Auch Amateursportler*innen zeichnen ihre sportlichen Ergebnisse gerne auf, und einige vergleichen sie auch gerne mit früheren eigenen Ergebnissen oder mit den Werten der Bürokolleg*innen. Inzwischen gibt es Strava zudem für 32 weitere Sportarten, darunter etwa Langlaufen, Kanufahren oder Treppensteigen. Zum Erfolg des App trug auch die bewusste Ausrichtung auf soziale Interaktion ab 2017 bei: Seither lädt die App noch expliziter dazu ein, miteinander in Kontakt zu treten oder einander zu Leistungen zu gratulieren.

Strava und Hochschuldidaktik

Was hat dies mit Hochschulen zu tun? Betrachtet man die Grundprinzipien der App, stösst man auf zahlreiche Themen, die auch in der Diskussion um die «neue Normalität» der Hochschulen aufscheinen. Zunächst verbindet Strava die sehr physische Welt des Sports mit einer komplett digitalen Welt – eine Verbindung, die auch für Blended-Learning-Szenarien im künftigen Hochschulunterricht massgebend ist.

Hält man sich den Erfolg von Strava vor Augen, lohnt sich also die Suche nach den konstituierenden Erfolgsfaktoren der App. Hier einige Überlegungen, die als Orientierung für die künftige Gestaltung der Hochschullehre dienen können:

  • Strava verbindet die physische mit der digitalen Welt: Die virtuelle Strava-Welt spiegelt die physische Welt. Beide Welten bieten einen Mehrwert, den die andere nicht hat: Die physische Welt bietet das reale Erleben im Raum mit intensiven Sinneseindrücken; die digitale Welt bietet Interaktionsmöglichkeiten und ein Verständnis des Geschehens, das unabhängig von Zeit und Ort ist. Die beiden Welten sind dennoch verbunden und ergänzen sich gegenseitig: Werte aus der Strava-Welt fliessen in die physische Welt, wenn Sportler*innen etwa einer aufgezeichneten Route folgen, und Erfahrungen aus der physischen Welt fliessen in die virtuelle Welt, wenn Sportler*innen neue Routen aufzeichnen oder ihre sportlichen Daten teilen.
  • Strava ermöglicht es Nutzer*innen, miteinander in Kontakt zu treten – sei dies individuell oder kollektiv: Man tauscht sich über Routen und Leistungen aus, profitiert von anderen, indem man ihre Routen nutzt, oder stellt die eigene Route für spätere Nutzer*innen zur Verfügung. Man gratuliert sich zum Erreichten, lobt die Beiträge der anderen, bedankt sich für die Anerkennung oder bringt Vorschläge ein. Strava ermöglicht also einen Austausch, der unabhängig von physischer Kopräsenz ist und auch zeitversetzt funktioniert.
  • Strava verbindet Anstrengung mit positivem Erleben und positiven Rückmeldungen, Mit der App machen Sportler*innen ihre eigenen Leistungen für andere, aber auch für sich selbst sichtbar. Damit ist eine wichtige Voraussetzung gegeben, um selbst stolz auf das Erreichte zu sein oder um von anderen sofort oder später Anerkennung zu erfahren. Strava macht auch Fortschritte für sich und andere sichtbar. Die App nutzt dadurch typische Motivationsfaktoren und ermöglicht den  Sportler*innen, Selbstwirksamkeit zu erfahren: Was sie leisten, löst unmittelbar eine positive Wirkung aus.
  • Strava erlaubt den Nutzer*innen ein Autonomie-Erleben: Jede Nutzerin entscheidet selbst, ob, wie oft und wie intensiv sie die App nutzt, wie viel sie von ihrer Persönlichkeit preisgibt, ob sie in der App eher als Nutzniesserin dabei ist oder selbst neue Inhalte und Routen beisteuert. So kann sich jede Nutzerin in der Form einbringen, die für sie passend ist, ohne dass Sanktionierungen für ihre Beteiligung zu fürchten.
  • Strava kann gemeinsam oder alleine, zeitgleich oder zeitversetzt genutzt werden: Als Sportler*in entscheidet man selbst, ob man sich mit Kolleg*innen zur gemeinsamen Jogging-Tour verabredet, ob man zwar die gleiche Route wie ein Kollege wählt, sie aber zu einem anderen Zeitpunkt bestreitet, oder ob man gänzlich alleine unterwegs sein möchte. Die App lässt auch bezüglich der Nutzung grosse Freiheiten zu.
  • Strava trägt zu einem gigantischen Community-Building ein, bei dem sich die einzelne Sportlerin, obwohl vielfach ganz alleine unterwegs, als Teil einer grossen Gemeinschaft von Gleichgesinnten erkennt. In der Community trifft man Sportler*innen mit ähnlichen Ambitionen und Leistungen, aber auch solche, die besser oder schwächer sind. Die besseren mögen Ansporn und Motivation für neue Leistungen sein, die schwächeren dienen der Absicherung, dass jedes Leistungsniveau geschätzt wird. Der Vergleich hilft zugleich dabei, sich und die eigenen Leistungen zu verorten.
  • Strava ist als App technisch zverlässig und modern. Die Applikation läuft offensichtlich auf unterschiedlichen Geräten problemlos, und viele Nutzer*innen haben Strava auf mehreren Geräten installiert, um Trainingsdaten aufzuzeichnen und dann später zu bearbeiten. Auch die Nutzeroberfläche präsentiert sich modern und entspricht der User Experience, die in Apps weitherum von Social-Media-Plattformen über Online-Marktplätze bis zum E-Banking üblich ist.

Hochschulen stehen heute vor der Frage, wie sie Präsenz- und Online-Aktivitäten in Zukunft kombinieren sollen – eine Frage, die Strava für den Sport erfolgreich beantwortet. Zwar ist eine Hochschule kein Mountainbike: Die Prinzipien, die zum Erfolg von Strava beitragen, lassen sich nicht direkt auf die Gestaltung von Hochschulunterricht übertragen.  Sie liefern aber zur Frage, wie sich (junge) Menschen völlig natürlich in einer Umgebung bewegen, die physische und digitale Welt kombiniert, spannendes Anschauungsmaterial.

Antworten auf die Frage nach künftigen Lehrformaten an Hochschulen können daher Analogien liefern, die sich aus den oben genannten Prinzipien ergeben: Wie kann man ein Blended-Learning-Setting gestalten, damit Studierende ihren Lernfortschritt sofort erkennen und dazu positive Rückmeldungen von anderen erhalten? Wie können Lehrende eine soziale Einbindung stimulieren, auch wenn sich Studierende nicht regelmässig sehen, und wie muss eine Lernplattform aussehen, damit sich Studierende natürlich darauf bewegen? Wer bei solchen Fragen künftig an Strava denkt, findet vielleicht neue und unerwartete Antworten.

Quellen:

https://radmarkt.de/nachrichten/strava-report-corona-jahr-2020-war-echtes-sportjahr (13. Okt. 2021)

https://www.businessofapps.com/data/strava-statistics/ (13. Okt. 2021)

 

image by Polina Rytova at unsplash.com

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