Interprofessionelle Lehre – interprofessionelle Didaktik

Im Rahmen der Webinar-Reihe Bildungsinstitution Hochschule der Pädagogischen Hochschule Luzern sprach kürzlich Prof. Dr. Mahler über ihre Erfahrungen in der Entwicklung und Implementierung von interprofessionellen Lehrveranstaltungen im Bereich der Gesundheitsberufe. Unter der Fragestellung interprofessionelle Zusammenarbeit – eine Selbstverständlichkeit? ging sie den Rahmenbedingungen interprofessioneller Lehre nach und erörterte Möglichkeiten und Hindernisse der Umsetzung. Ergänzend zu diesem grundsätzlichen Beitrag über interprofessionelle Lehre folgt in Kürze ein Beitrag über Interprofessionalität an der Hochschule Luzern.

Die Frage nach Assoziationen zu interdisziplinärer Lehre zu Beginn der Veranstaltung führte zu Aussagen wie Übersetzungsarbeit, Kommunikationsprobleme, Fächerverbünde, Suche nach Balance, Heterogenität, aber auch übereinander Lernen, Ko-Konstruktion, neue Perspektiven, verschiedene oder diverse Zugänge zum gemeinsamen Lerngegenstand. Auf Augenhöhe soll mit gegenseitigem Respekt übereinander aber vor allem voneinander gelernt werden. In Kürze meint Interprofessionalität die Zusammenarbeit verschiedener Professionen oder Berufe und Interdisziplinarität das Zusammenwirken verschiedener Disziplinen oder auch Fachwissenschaften.

Bedeutung und Nutzen von Interprofessionalität zeigt der Report des Institute of Medicine (1999), der die meisten Fehler im Gesundheitswesen als systembasiert erkennt und für deren Minimierung die Einführung interprofessioneller Trainingseinheiten empfiehlt. Die Aussage

«How can they work together, if they don’t learn together.»

verweist darauf, dass interprofessionelle Zusammenarbeit idealerweise bereits Teil der Ausbildung sein müsste. Berufsgruppenübergreifend zu denken und handeln, würde nicht nur die Nutzung klinischer Ressourcen und Koordination der Gesundheits- und Patientenversorgung und -sicherheit verbessern, sondern auch zu einer Abnahme der Patientenbeschwerden, Krankenhausverweildauer, Mitarbeiterfluktation, der klinischen Fehlerrate und damit der Mortalität führen.

Doch was genau bedeutet nun interprofessionelles Lehren? Interprofessionelles Lehren ist mehr, als dass Studierende verschiedener Ausbildungsrichtungen gemeinsam in einem Hörsaal sitzen und gleichzeitig gleiche Inhalte lernen. Interprofessionelles Lernen bedeutet vielmehr, dass die Studierenden miteinander, voneinander und übereinander Lernen und so ein Mehrwert für alle entsteht (CAIPE, 2002). Dafür braucht es über den Studienverlauf hinweg, gezielt geplante Lernarrangements zur Entwicklung von Kompetenzen für interprofessionelle Zusammenarbeit.

Barr unterscheidet bei wichtigen berufliche Kompetenzen zwischen allgemeinen, komplementären und kollaborativen Kompetenzen. Gemeinsame Kompetenzen meinen über alle Berufe gleiche Kompetenzen, in den ergänzenden unterscheiden sind die Berufe und kollaborative sind nötig für eine effektive Zusammenarbeit mit anderen Berufen. Daraus leiten sich Values/Ethics for Interprofessional Practice, Roles/Responsibilities, Interprofessionelle Communication, Teams and Teamwork als vier Kernkompetenzen für interprofessionelles kollaboratives Arbeiten ab, welche im Modell IPCE (Interprofessional Collaborative Education) als Grundlage für interprofessionelle Ausbildungen im Gesundheitsbereich formuliert sind.

Um interprofessionelle Kompetenzen zu fördern, müssen Lehrveranstaltungen Studierende in die Lage versetzen, ihre eigene Rolle und ihr Verhalten im interprofessionellen Team zu reflektieren und sie anleiten, andere Perspektiven einzunehmen. Möglich wird dies durch erfahrungsorientiertes Lernen nach Kolb oder Gruppenübungen zum Erproben der Rollen. Studierenden brauchen die Möglichkeit, Teamarbeit, Kommunikation und Entscheidungsfindung im interdisziplinären Team gezielt üben und reflektieren zu können. Sie müssen die eigene disziplinspezifische Perspektive erkennen, bereit sein, das eigene Profil reflektierend zu hinterfragen, sich der Einschränkung der eigenen Herangehensweise an Themen oder Fragestellungen ebenso bewusst sein wie der Grenzen der eigenen Disziplin bzw. deren Beitrag zu einem Sachverhalt. Studierende benötigen Kompetenzen für einen fruchtbaren Austausch über und die Interaktion unterschiedlicher Sichtweisen. Eine hohe Kommunikationskompetenz meint auch die Kompetenz zur Gestaltung interdisziplinärer Prozesse und erfordert ein Vertraut sein mit besonderen Bedürfnissen interprofessioneller/-disziplinärer Zusammenarbeit, mit dem Wissen um die besonderen Herausforderungen die darin oder dadurch entstehen. Dies erfordert die Fähigkeit, Konsensprozesse für eine gemeinsame Zielfindung zu entwickeln und dafür bereit zu sein, eigenes Wissen für eine andere Zielgruppe zu übersetzen (Di Guilio & Defila, 2017).

Dozierende – idealerweise im interprofessionellen Tandem – müssen sich der Herausforderung ihrer heterogenen Lerngruppe bewusst sein und auf unterschiedliche, individuelle Lernvoraussetzungen zur Vermittlung der Inhalte mit einer inneren Differenzierung sowie vielfältigen Lernmethoden reagieren. Hilfreich für den Umgang mit Heterogenität ist ein Diversity Mindset (Kessels, 2017). Idealerweise erhalten Lehrende benötigen eine fachliche Einführung in Interprofessionelle/-disziplinäre Zusammenarbeit und die Grundlage interprofessioneller Kompetenzen ins Teamteaching in interprofessionellen/-disziplinären Dozierendenteams und die damit verbundenen Herausforderungen des gemeinsamen Planens, Durchführens, Evaluierens und Bewerten von Prüfungsleistungen. Ein gegenseitiger Austausch unter den Lehrenden im Sinne eines Peer-to-Peer-Coachings unterstützt die methodisch-didaktische Weiterentwicklung (Di Guilio & Defilia, 2017).

Abschliessend muss festgehalten werden, dass die Begegnung mit Wissen oder Inhalten anderer Disziplinen alleine, Studierende noch nicht zu interprofessioneller Zusammenarbeit befähigt. Vielmehr müssen sie anhand konkreter Beispiele Kompetenzen für interprofessionelle Zusammenarbeit lernen und diese zielgerichtet reflektieren. Für die Entwicklung von interprofessionellen/-disziplinären Formaten sind alle Professionen/Disziplinen bei Planung, Durchführung und Evaluation von Anfang an aktiv einzubinden. Grundlegend für die Entwicklung interprofessioneller/-disziplinärer Kompetenz ist die entsprechende Haltung.

Wie das Thema Interprofessionalität in die tägliche Arbeit an der Hochschule Luzern einfliesst, wie es in Forschung und Lehre berücksichtigt wird, zeigt ein weiterer in Kürze erscheinender Blogbeitrag auf.

 

Quellen

Di Giulio, A. & Defila, R. (2017). Enabling university educators to equip students with inter- and transdisciplinary competencies. International Journal of Sustainability in Higher Education, 18(5), 630-647.

Defila, R., & Di Giulio, A. (2006). Vorbereitung auf interdisziplinäres Arbeiten – Anspruch, Erfahrungen, Konsequenzen. In: B. Berendt, H.-P. Voss, J. Wildt (Hrsg.). Neues Handbuch Hochschullehre. Lehren und Lernen effizient gestalten. (S. 1-19). Berlin: Raabe

Berendt, B., Voss, H.-P., & Wildt, J. (Hrsg.). Neues Handbuch Hochschullehre. Lehren und Lernen effizient gestalten. Berlin: Raabe

Kessels, U. (2019). Heterogenität als Bildungswissenschaftliche Herausforderung in interprofessionellen Lehr-Lernkontexten. In. I. S. Thierfelder & H. Wild (Hrsg), Interprofesionelles Lehren und Lernen im Berufsfeld Gesundheit – INFLiGHT. Tagungsband. Working Paper N. 18-01. S. 13-21

Thierfelder, I. & Wild, H. (2018). Interprofessionelles Lehren und Lernen im Berufsfeld Gesundheit – INFLiGHT. Tagungsband. Working Paper No. 18-01 der Unit Gesundheitswissenschaften und ihre Didaktik. Berlin: Charité – Universitätsmedizin Berlin.

U.S Interprofessional Health Collaborative. (2016). Core Competencies for Interprofessional Collaborative Practice: 2016 Update.

Organisation (WHO) (2010). Framework for Action on Interprofessional Education and Collaborative Practice. Geneva

 

Weiterführende Links

www.interprofessionalitaet.ch

www.ipecollaborative.org/resources.html

 

image cog-wheel-gear-wheel-mashine by Arek Socha at pixabay.com

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