Resonanzpädagogik

Der Schlüssel zum Glück im Unterricht?

Im von der aeB Schweiz veranstalteten Webinar zum Thema «Resonanzpädagogik – der Schlüssel zum Glück im Unterricht» sprach Gerhard Friedl, Leiter Diplomstudiengänge Berufsbildung am Zentrum für Berufsbildung der Pädagogischen Hochschule Luzern und Bereichsleiter Berufsbildung der aeB Schweiz über Hintergrund und Bedeutung von Resonanz und wie man diese als Dozent*in für gelingende, resonante Lehr-Lernsituationen nutzt.

Glück im Unterricht!? Hartmut Rosa, der als Soziologe und Buchautor den Resonanzbegriff geprägt hat, verbindet Glück mit einem gelingenden Leben. Glücklichsein hat seiner Meinung nach mit einer gelingenden Beziehung zur Welt um uns herum zu tun, und, ob wir in der Lage sind solche Momente von Resonanz herbeizuführen. Glück erfordert, innerlich mit einer Sache verbunden zu sein. Glück im Unterricht würde also eine gelingende Verbindung zur «Sache des Unterrichts» bedeuten.

Resonanz entsteht, wenn wir von etwas, z.B. einer Person, einer Sache, der Natur oder eben dem Unterrichtsthema erreicht, berührt oder bewegt werden; wenn uns etwas anspricht und zum Schwingen bringt. Gleichzeitig erfahren wir, damit etwas erreichen und bewegen zu können – selbstwirksam zu werden. Resonanz zeigt sich durch die Verbindung von berührt werden und wirksam die Welt zu beeinflussen. Resonanzpädagogik heisst also ein Thema, den Soff oder die Sache didaktisch überlegt so zu bearbeiten, dass die Beziehung aller Beteiligten im Mittelpunkt steht und interaktiv wirkt.

Schule, und damit ist jede Art von Bildungsinstitution gemeint, wird zum Resonanzraum, wenn Lernende und Lehrende inspiriert sind und positiv unter- & miteinander, mit sich selbst, dem Thema und der Welt verbunden sind. Im Gegensatz dazu wird Schule zum Entfremdungsort, wenn sich Lernende vom Thema oder der Lehrperson nicht angesprochen fühlen. Dozierende haben das Gefühl, ihre Studierenden/Teilnehmenden (auch mit dem Thema) nicht zu erreichen. Resonanz leidet unter fehlenden Mitwirkungsmöglichkeiten der Lernenden, einer inneren Abwesenheit der Lehrperson, Leistungsdruck oder einer pessimistischen, lernhinderlichen Grundhaltung, wie z.B. ein, das schaffe ich eh nicht. Auch die architektonische Gestaltung von Bildungsinstitutionen und deren Einrichtungen wie z.B. Tischreihen ohne Möglichkeit über Blickkontakt in Beziehung zu treten, verhindern Resonanz. Didaktische Arrangements wie starre Wissensabfragen, inhaltsorientierte Lehrdidaktik mit fragend-entwickelndem Unterricht oder Bulimiedidaktik mit trägem Wissensbalast lassen kaum Resonanz entstehen.

Ein Lernprozess verläuft entweder indifferent, also fad, ohne Anteilnahme, ohne Energie, ohne Bezug zum Thema, oder repulsiv als aktiver Wiederstand mit genervten Antworten, gegenseitiger Antipathie, Konflikten, Provokationen. Es wird nicht mehr aufeinander eingegangen. Ein resonanter Lernprozess hingegen erfolgt im Kontakt mit sich selbst, der Lehrperson und dem Thema. Die Lernenden zeigen Interesse, sind intrinsisch motiviert dabei und erzeugen positive Energie. Forschungsergebnisse konnten zeigen, dass eine anfangs intakte Resonanzachse zwischen Lernenden und dem Thema unter einer schlechten Resonanzachse zwischen Lernenden und der Leitung leidet. Wir alle haben schon mal erlebt, dass unser anfängliches Interesse z.B. an einer Sprache durch die Lehrperson abnahm. Umgekehrt verdeutlicht uns das die Bedeutung der Lehrperson für einen gelingenden Lernprozess.

Die Umsetzung von Resonanzpädagogik kreist um die grundsätzliche Haltungsfrage: was kann ich machen, um mit mir, dem Thema, den einzelnen Teilnehmenden und der Gruppe in einer guten, resonanten Beziehung zu sein. Eine solche Grundhaltung basiert auf dem pädagogischen Optimismus, hinter dem ein prinzipielles Vertrauen in die andere Person und deren Kompetenz steckt, ohne dass bereits Gegenleistung erbracht wurde. Als Dozent*in orientiert man sich an den Potentialen und nicht den Defiziten der Studierenden / Teilnehmenden. Man begegnet allen Personen aufgeschlossen und in Verbindung zur aktuellen Situation und respektiert die Personalität des anderen. Leitung erfolgt über Beziehung und nicht über Hierarchie. Durch die eigene Begeisterung und Überzeugung bringt man das Thema zum Schwingen. Resonanzpädagogik versteht ein differenziertes Beziehungs- und Interaktionsangebot an die Teilnehmenden und die Gruppe als gleichwertig zur Didaktik. Methodisch fliesst die Haltung der Resonanzpädagogik über Storytelling, eine konstruktive Fehlerkultur, das Führen von Debatten sowie Feedback in verschiedene Formen von Unterricht ein, in denen der Austausch untereinander und mit dem Thema gefordert und gefördert werden.

Ob dies der Schlüssel zum Glück ist, sollen unsere Lernenden in der entsprechend gestalteten Lehr-Lernsituation selbst entscheiden. Nachhaltiges Lernen in einer motivierend gestalteten Lernumgebung wird so aber gefördert.

 

Quellen:

Bauer, J. (2008): Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren. München: Heyne.

Bauer, J. (2019): Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. München: Blessing.

Friedl, G. (2021): Resonanzpädagogik. Der Schlüssel zum Glück im Unterricht?. unveröffentlichte Powerpoint zum gleichnamigen Webinars.

Rosa, H. (2019): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.

Rosa, H. & Endres, W. (2016): Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert. Weinheim & Basel: Beltz.

 

Link:

Resonanzpädagogik. Der Lehrer als Stimmgabel. SWR2: Ralf Caspary im Gespräch mit Hartmut Rosa

Ferien, Familie oder ein neues Smartphone – Warum macht uns das nicht glücklich. NZZ am Sonntag: Anja Burri im Gespräch mit Hartmut Rosa.

 

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