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Wo Menschen den Maschinen huldigen

Oktober 30th, 2009 | jane | Keine Kommentare |

Wie verlässt man einen solchen Event? Inspiriert, überwältigt, angeregt, verwirrt, nachdenklich, überfordert, beglückt, psychisch ausgelaugt von den vielen Sinneseindrücken?

Fest steht: ich müsste nächstes Jahr nochmals gehen um eine faire Rezension ohne Vorurteile schreiben zu können, denn diese „Kunst-als-Recherche“ Generation, bei welcher die „Magie Konjunktur erlebt“ (Festivaltext) weckt bei mir einen Jahrmarkt-Scharlatanerei-Verdacht. Dieses Vorurteil wurde leider durch meinen Festivalbesuch nur bekräftigt.

Der Ansatz der Organisatoren, digitale und mechanische Kuriositäten interaktiv zur Schau zu stellen, ist durchaus nachvollziehbar. Leider wirkte es auf mich aber eher wie eine Art Technorama ohne die dazugehörige lehrreiche Information. Es schien ihnen eher der Überraschungseffekt als die Tiefgründigkeit wichtig zu sein. Angesichts des Themas „Magie“ könnte ihnen dies verziehen werden, falls sich das nächste Thema als bedeutungsvoller erweisen sollte. Einige Werke waren zwar durchaus von einer berührenden Poesie durchzogen, doch sie blieben seltenes Glück.

Welches Zielpublikum sich die Organisatoren beim Planen dieses Events vorstellten, bleibt mir ein Rätsel, ausser vielleicht die szenigen Konzertreihen. Diese scheinen das Herzblut des Events zu sein, wo elektronische Musik, DJs und VJs zusammen ein perfekter fliegender Stimulusteppich bilden, der mit seinen vielen Sinneseindrücken die Synapsen problemlos in adrenalingesteuertes Overdrive befördert. Idealpublikum wären wohl Leute, die ihr Seelenheil in ahnungsvollen Cyberpunkvisionen finden möchten. Ich erlaube mir einen gutmütigen Sarkasmus, da ich selbst lange versuchte in dieser Wirklichkeitsflucht aufzugehen, und auch jetzt noch nicht gegen die geschmeidige Verführung der Cyberverheissung immun bin.

Doch eine Verheissung hat die Digitalisierung der Kunst erfüllt:

Filmstill von Lapis von James Whitney

Filmstill von "Lapis" von James Whitney

das Potenzial der Komplexität zu erforschen und dessen Darstellung auf künstlerische Weise umzusetzen. Ich beziehe mich hierbei auf „Lapis“, Juwel des Abends, dank dem ich weiterhin die Hoffnung nicht aufgeben werde, dass neue Medien nicht nur dem Schock und der Nabelschau dienen müssen. Leider erstrahlt dieser Film nur in hoher Qualität in seiner wahren Schönheit, so kann man sich jedowch wenigstens ein Bild davon machen. (Stillbilder in hoher Auflösung sowie spannende Weiterverlinkungen zur ersten Welle computergenerierter Kunst gibt‘s hier ).

[youtube kzniaKxMr2g]

Es handelt sich hier um einen Film aus den 60er Jahren. Man hatte damals gerade erst begonnen, Computer für künstlerische Zwecke einzusetzen. Der Film besitzt eine meditative, ruhige Kraft, die ständige verschmelzung und neuformierung der Punkte hat etwas sehr organisches. Genau dies macht „Lapis“ so auffallend anders als die meisten Technokunstwerke: dass die Bewegung zwar stetig ist, aber trotzdem beseelt wirkt. Die Kreisform löst sich nie auf und verändert sich doch immerwährend wie der Kreislauf eines Ökosystems. Wasserartig, Schneeflockenartig, als ob durch ein Zufallsprinzip gelenkt, formen sich die Punkte zu Mustern und Mandalas. Ein kosmischer Tanz bei dem die Musik (siehe Video) wohl kaum zufällig gewählt wurde.

James Whitney hat es in diesem Werk geschafft, nicht etwa eine Wirklichkeitsflucht in Richtung einer anorganisch kalten Zukunft voranzutreiben, sonder mit Hilfe von Maschinen zurück zum Mystischen gefunden. Er hat das stille, stete Drehen des Lebensrades visualisiert und für unsere Augen zugänglich gemacht.

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