Die Abschluss-Präsentation des 1. Semesters nähert sich mit grossen Schritten. Nun kam ich unvermittelt in den Genuss eines besonderen Anschauungsunterrichtes. Ich konnte dem Finale des Redewettstreites für Studenten beiwohnen, der in der Stadtbücherei Stuttgart abgehalten wurde. Organisiert wurde der Anlass vom Debattierclub Stuttgart. Ein Debattierclub muss man sich als Ansammlung redegewandter Studentinnen und Studenten mit Sportsgeist vorstellen, welche das Denk- und Sprechtraining der körperlichen Ertüchtigung im Unisport vorziehen.

Ein Debattierturnier folgt klaren Regeln. Der Wettstreit in Stuttgart wurde im BPS-Format (British Parliamentary Debatte) abgehalten. Vier Teams bestehend aus zwei Rednerinnen oder Rednern traten gegeneinander an. Zwei Gruppen werden kurz vor dem Auftritt als “Regierung” ausgelost, die anderen beiden Teams erhalten die Rolle der Opposition zugewiesen. Nach einer bestimmten Reihenfolge schreiten die Rednerinnen zu ihrem Vortrag. Dieser dauert exakt sieben Minuten, was von einer Aufsicht kontrolliert wird. Richterliche Hammerschläge dienen für die zeitliche Orientierung. Zu Beginn und am Ende der Rede gibt es geschützte Redeminuten. Dazwischen dürfen sich die anderen Debattenteilnehmerinnen per Handzeichen und Aufstehen bei den jeweiligen Rednern für Bemerkungen anmelden. Es liegt aber einzig und allein im Ermessen des Redners, ob er sich auf diese Einwände und Fragen einlassen will oder nicht. Die einzelnen Vorträge werden von einer Jury mitverfolgt und nach folgenden Kriterien bewertet: Sachverstand, Logik der Argumente, Gestik, Mimik und Sprache sowie Publikumskontakt.
Der eigentliche Reiz dieses Wettstreits besteht darin, dass den debattierfreudigen Studenten nur fünfzehn Minuten lang Zeit gegeben wird, sich im Vorfeld mit einem Debatten-Thema auseinandersetzen. In diesem Fall lautete das Thema: “Dieses Haus würde Parteienspenden verbieten”. Ich will hier nicht auf die inhaltlichen Auseinandersetzungen eingehen, welche durchaus glaubwürdig geführt wurden. Viel interessanter war der Auftritt der Debatte-Teilnehmerinnen an sich. Was da an Selbstsicherheit und Schlagfertigkeit dargeboten wurde, war schlicht beeindruckend. In horrendem Tempo wurden die Reden vorgetragen. Das Handwerk der Rede wurde von den Jungspunden in hoher Präzision zelebriert. Ähnlich raufenden Welpen, die ihre heranwachsenden Krallen und Zähne spielerisch ausprobieren, kreuzten da zukünftige Politikerinnen und Konzernsprecher ihre Plastikschwerter. Spontaner Beifall des Publikums zeugte vom Unterhaltungswert des Spektakels. Es war amüsant, die Spannung zwischen der Ernsthaftigkeit der Debatten und der durchschimmernden Pseudo-Echtheit der Situation zu erleben. Es sah wirklich aus, als würde hier eine hitzige Parlamentsdebatte laufen oder ein TV-Duell vor einem Wahlkampf. Die Resultate dieses Wettstreits sind inzwischen öffentlich einzusehen.
Unausstehliche Präsentationen und schlechte Rhetorik sind weitverbreitet. Deshalb finde ich es löblich, die Kunst des Redens zu fördern. Wenn es sein muss auch mittels sportsmännischem Wettstreit. Allerdings könnte ich bemängeln, dass ich diese mehr oder weniger dialogfreien Debatten nicht unbedingt als hilfreich ansehe, wenn es um Konsensfindungen geht. Die Priorität liegt schlicht und einfach darin, den Anderen fertigzumachen und die Gunst des Publikums oder, auf andere Plattformen übertragen, jene der Wähler zu gewinnen. Es wird mit austauschbaren Inhalten eine Technik geübt, welche zur vielseitig einsetzbaren Waffe heranwächst.
Schon bald werde ich Gelegenheit haben, die positiven Einflüsse aus diesem Erlebnis umzusetzen. (LNW)
3 Kommentare
1 Franziska Nyffenegger // Jan 26, 2010 at 9:52 pm
Beim Aufräumen vor einigen Tagen ist ein NZZ-Artikel zur internationalen Debattierweltmeisterschaft auf dem Altpapier gelandet. Ich hatte ihn aufgehoben als Inspiration für künftige Unterrichtsstunden – vielleicht sollte ich ihn noch mal aus der Zeitungskiste wühlen?
2 Gudrun // Jan 30, 2010 at 6:04 pm
Danke für den Beitrag über das Stuttgarter Finale der ZEIT DEBATTE.
“Allerdings könnte ich bemängeln, dass ich diese mehr oder weniger dialogfreien Debatten nicht unbedingt als hilfreich ansehe, wenn es um Konsensfindungen geht.”
Ich erlaube mir anzumerken: Richtig! Es geht bei einer Debatte auch nicht um Konsensfindung, es geht tatsächlich um die Auseinandersetzung, um das Darstellen zweier entgegengesetzter und einander ausschließender Positionen. Ziel der Überzeugung ist daher auch nicht die jeweilge Gegenseite sondern das Publikum.
Wer Informationen rund um das Debattieren erhalten will, ist unter http://www.vdch.de richtig. Alles über die deutschsprachige Debattierszene ist im Magazin Achte Minute unter http://achteminute.vdch.de zu finden.
In Luzern gibt es m.W. (noch?) keinen Debattierclub. Aber sollte Interesse daran bestehen, einen solchen zu gründen: Der VDCH unterstützt dabei gern! Einen recht erfolgreichen Club gibt es übrigens St.Gallen
3 Lukas // Feb 1, 2010 at 9:34 pm
…der sich sehr freuen würde, wenn die Debattierszene in der Schweiz lebendiger würde!
Hier übrigens nochmal der Artikel aus der NZZ:
http://www.debatingclub.ch/images/press/nzz401.jpg
Kommentar schreiben